Für einen Moment könnte man meinen, ein König sei gestorben oder zumindest das Oberhaupt eines ziemlich mächtigen Clans. Viele Hundert Polizisten säumen die Straßen von Chemnitz an diesem Montag im März. Ein Sarg wird im Leichenwagen auf den Friedhof gefahren. Fast 1000 Menschen stehen Spalier. Dann setzen sie sich in Bewegung, bilden einen schwarzen Gedenkzug auf dem Weg zu einem Grab.

Aber wer näher tritt, der sieht, dass das hier eine außergewöhnliche Trauergemeinde ist. Wer näher tritt, sieht, dass sich hier Hooligans versammelt haben, Neonazis, Rechtsextreme, Identitäre, für die der Verstorbene ein Held war. Wer näher tritt, sieht die Kleidung rechtsextremer Szenemarken, sieht den Grabkranz mit dem Reichsadler, sieht vor allem: die vielen Embleme, Fähnchen, Motive in den Farben des Chemnitzer FC. Dazwischen laufen ein paar Leute, die nach ganz normalen Bürgern aussehen, vielleicht welche sind.

Der Mann, der hier beerdigt wird, hieß Fritz Thomas Haller, geboren am 6. März 1965, gestorben am 8. März 2019, an Krebs. Einer der treuesten Menschen, die es in Chemnitz gab – das sagen nicht wenige, die man in der Stadt nach ihm fragt. Ein Fußballfan, der immer half, der zur Stelle war, wenn man ihn brauchte. Ein echter Kamerad.

Eine der übelsten Gestalten, sagen andere: ein Rechtsextremist, ein Neonazi. In den Neunzigerjahren war Thomas Haller Gründer der Hooligan-Gruppierung HooNaRa – das steht für "Hooligans, Nazis, Rassisten". Einem Mitglied der Gruppe wurde 2000 nachgewiesen, einen Punk getötet zu haben.

Haller, heißt es, habe auch der Ultra-Gruppe Kaotic Chemnitz nahegestanden, die im Jahr 2018 – nach dem Tod des Deutschkubaners Daniel H. – den ersten Hooligan-Marsch durch die Stadt mitorganisiert haben soll. Den Marsch, in dessen Folge Chemnitz tagelange rechtsextremistische Demonstrationen erlebte. Zu diesem Zeitpunkt lag Haller jedoch, gezeichnet vom Krebs, im Krankenhaus.

Darf man so einem wie Thomas Haller die letzte Ehre erweisen? Darf man so einem die Schuld vergeben, weil man ihn als Mensch schätzte – und ihn nach seinem Tod feiern, als seien die Sünden damit aus der Welt?

Diese Frage stellt sich, weil der Chemnitzer FC, Tabellenführer der Regionalliga Nordost, den Eindruck erweckte, Haller seine Schuld vergeben zu wollen. Der CFC ließ im Stadion An der Gellertstraße eine Gedenkminute für Haller veranstalten. Am 9. März, am Tag nach Hallers Tod, vor Anpfiff des Spiels gegen Altglienicke, wurde ein großes Porträtfoto von Haller auf der Stadionleinwand eingeblendet. Der Stadionsprecher sprach von tiefer Trauer angesichts des Todes von Thomas Haller, für den der CFC Lebensinhalt gewesen sei. Unter der Fankurve prangte ein Banner: "Ruhe in Frieden, Tommy". Und wem das noch nicht reichte, der wurde beim Torjubel dazu aufgerufen, die lokalen Hooligans zu unterstützen: "Support your local hools" stand auf einem Shirt, das der Kapitän in die Luft hielt.

Seither ist beim CFC nichts mehr, wie es war. Medien in der ganzen Republik berichten über das Hooligan-Gedenken in einem deutschen Fußballstadion. Der DFB ist alarmiert, Politiker sind empört: Chemnitz ist wieder in Aufruhr.