Wer sich mit dem Fall beschäftigt, stößt dabei auf zwei Erkenntnisse: erstens, welche unglaubliche Macht teils rechtsextreme Fans in einem Viertliga-Club ausüben können; wie sehr die rechtsextreme Fanszene mit dem Verein verwoben ist.

Man lernt aber auch zweitens: Die Dinge sind oft nicht so einfach, wie sie durch die schnelle öffentliche Aufteilung in Gut und Böse scheinen. Weil der Verein es sich mit Haller schwerer gemacht hat, als es von außen den Anschein hat. Und weil es Menschen gibt, die behaupten, der CFC habe unter großem Druck gestanden, als er dem Gedenken zustimmte.

Thomas Haller war ein Geschöpf der ostdeutschen Neunzigerjahre, vor allem der beinahe gesetzlosen Nachwendezeit, in der junge Menschen viele Freiheiten hatten, aber kaum Orientierung. Haller, zum Mauerfall Mitte 20, wurde Rechtsextremist. Zu DDR-Zeiten, so hat es Haller selbst einmal erzählt, habe er eine Ausbildung zum Metzger gemacht. 15 Jahre habe er in einer Fleischerei gearbeitet. Noch vor der Wiedervereinigung habe er zwei Monate im Gefängnis gesessen. Dann sei die Fleischerei vom Westen "abgewickelt" worden, wie er es nannte.

Er gründete die Sicherheitsfirma Haller Security. Seine Leute bewachten europaweit Sportveranstaltungen, Supermärkte, Volksfeste, Kneipen, Diskotheken und Fußballspiele. In den Neunzigerjahren galten Teile der Chemnitzer Fanszene als gewaltbereit und radikal – und Haller etablierte sich als eine der wichtigsten Personen in diesem Kreis. Haller Security wurde Teil des Ordnerdienstes des CFC.

Zum ersten Mal traf einer der ZEIT-Reporter, der damals noch für das Fußballmagazin Rund schrieb, Haller im Dezember 2006. Damals sollte ein Bericht darüber entstehen, wie neonazistische Gruppierungen in ganz Deutschland die Fan- und Hooligan-Szene unterwandern, um dort ihren Nachwuchs zu rekrutieren. Ein Teil der Geschichte sollte beim Chemnitzer FC spielen, dem Traditionsverein im Osten. Dem Club, der einst große Spieler wie Michael Ballack hervorgebracht hatte – der aber schon im Jahr 2006 in einer der unteren Ligen dümpelte.

Der CFC hatte seine Fans zur Weihnachtsfeier geladen. In der vollgestopften Halle drängten sich auch Mitglieder von HooNaRa und den sogenannten NS-Boys. Irgendwo stand Thomas Haller. "Zeig erst deinen Ausweis", sagte er zum Reporter. Nachdem er die Adresse gesehen hatte, erklärte er sich zu einem Interview bereit. Er wollte zum Ausdruck bringen: Ich weiß jetzt, wo du wohnst. Ein Einschüchterungsversuch.

Alle in der Halle schienen Haller damals zu kennen. Wenn er sprach, schwiegen die anderen. Er war groß, breit und tätowiert. An seinen Ohren hingen Ringe, an seinem schwarzen Basecap steckte ein goldenes H. Hätte man jemanden gefragt, wie ein typischer Hooligan aussieht – er hätte wohl auf Haller gezeigt.