Ein Café am Zürcher Limmatquai. Die Stimme von Iouri Podladtchikov ist so ruhig und sanft und die Geste so zart, mit der er über das Gehäuse seiner analogen Fotokamera streicht, dass man sich fragt, ob das derselbe Mann ist, der als verbissenster Sportler der Schweiz gilt.

DIE ZEIT: Herr Podladtchikov, was haben Sie sich heute schon gekauft?

Iouri Podladtchikov: Ein Mittagessen, Hackbraten für 23 Franken im Ziegel Oh Lac in der Roten Fabrik.

ZEIT: Im Moment können Sie Ihren Beruf als Snowboarder nicht ausüben, weil Sie mit einer gerissenen Achillessehne zu Hause sitzen. In den vergangenen Monaten haben Sie sich bei Stürzen auch eine Hirnblutung zugezogen und zwei Mal die Nase gebrochen. Gibt es einen Preis, den Sie für den Sport nicht zahlen würden?

Podladtchikov: Die Frage musst du dir jedes Mal stellen, bevor du wieder rausgehst. Bisher habe ich nur so viel herausgefunden: Wenn ich zu Hause sitze und mich nicht dem Risiko aussetze, habe ich keine Lust auf Kaviar und Gold. Ich kann die Extravaganz des Kosmopoliten-Lebens nur genießen, wenn mein Leben auf der Kippe steht.

ZEIT: Gehen Sie Frust-shoppen, wenn Sie ausfallen wie gerade jetzt?

Podladtchikov: Im Gegenteil. Ich Frust-verkaufe. Ich besitze immer noch zu viele Toys.

"Im Moment verdiene ich mehr als 250.000 Franken im Jahr. "
Iouri Podladtchikov, Profi-Snowboarder

ZEIT: Verdienen Sie überhaupt etwas, wenn Sie verletzt sind?

Podladtchikov: Ja, aber weniger. Wenn ich verletzt bin, fallen die Preisgelder weg, und gewisse Sponsorenverträge sind daran geknüpft, wie viele Wettkampftage ich absolviere. Wenn ich bei meinen jetzigen Konditionen etwa die ganze Saison ausfallen lasse, würde ich noch die Hälfte meines Lohnes erhalten. Zum Glück bin ich gut versichert.

ZEIT: Wie setzt sich eigentlich der Lohn eines Profisportlers zusammen?

Podladtchikov: Hauptsächlich aus Sponsorengeldern. Zurzeit bin ich Werbebotschafter von Monster Energydrink, Moncler, Audi und der Helmmarke TSG. Ich würde sagen: Athleten, die klug verhandeln, verdienen mit Werbung doppelt so viel wie mit Turniersiegen. Bei den X Games erhält der Sieger beispielsweise 25.000 Franken, in Laax 15.000.

ZEIT: Wie hoch ist Ihr Monatslohn?

Podladtchikov: Im fünfstelligen Bereich. Im Moment verdiene ich mehr als 250.000 Franken im Jahr.

ZEIT: Ihre Sponsoren dürfen Sie für Events und Drehs buchen. Wie fühlt sich das an, wenn eine Firma Anrecht auf die eigene Zeit hat?

Podladtchikov: Wichtig. Ich bin ja nicht nur Sportler, sondern auch brand ambassador, meine Person und mein Image sind miteinander verknüpft. Darum werden bei jeder Zusammenarbeit penalties festgehalten, also Dinge, die ich nicht tun darf. Wenn ich zum Beispiel – und ich nehme jetzt ein extra absurdes Beispiel – jemanden auf Drogen von der Brücke schubse, hätte ich lebenslänglich Schulden.

"Ich bin mit dem Grundsatz aufgewachsen, dass man das Geld, das reinkommt, gleich wieder ausgibt."

ZEIT: Schränkt Sie das ein?

Podladtchikov: Das gehört zum Job. Aber ab und zu denke ich daran, wie dünn das Eis ist, auf dem ich mich bewege.

ZEIT: Sie sind als Kind russischer Eltern in Podolsk, in der Nähe von Moskau aufgewachsen. Wie viel Taschengeld haben Sie erhalten?

Podladtchikov: Keines! Meine Brüder und ich bekamen nur Geld, wenn wir unsere Eltern überzeugen konnten, warum wir etwas brauchten. Süßigkeiten konnten wir also vergessen.

ZEIT: Ihre Eltern wanderten 1992 in den Westen aus. Was haben Sie von ihnen über Geld gelernt?

Podladtchikov: Ich bin mit dem Grundsatz aufgewachsen, dass man das Geld, das reinkommt, gleich wieder ausgibt. Wenn ich an meine Kindheit denke, hatten wir fast immer Freunde und Bekannte zu Gast. Das ist eine russische Eigenheit. Wenn du Leute einlädst, muss es glänzen, selbst wenn du danach zwei Wochen lang hungerst. Die zweite Lektion, die ich gelernt habe, kam von meiner Mutter. Sie sagte immer: "Viel Geld, viele Probleme."

ZEIT: Stimmt es, dass Sie sich mit 20, als Sie Ihre ersten Erfolge als Profi-Snowboarder feierten, einen Porsche kauften?

Podladtchikov: Das stimmt. Ich hatte damals einen Freund, der mich überzeugte, dass es cooler ist, sich mit zwanzig statt mit vierzig Träume zu verwirklichen. Ich habe sozusagen die Midlife-Crisis vorgezogen.

"Ich habe mit der Extravaganz eines neureichen Russen gelebt – was ich nicht verwerflich finde, wenn du so was Großes schaffst."

ZEIT: Stimmt es auch, dass Sie den Wagen vor Olympia 2014 wieder verkaufen mussten, weil Sie pleite waren?

Podladtchikov: (lacht) Das ist komplex. Pleite kann man nicht sagen. Ich habe das Geld anders investiert. Ich habe jeden Rappen gebraucht, um mich für die Spiele vorzubereiten.

ZEIT: Wofür brauchten Sie all das Geld?

Podladtchikov: Ich hatte zwei Wohnungen, eine Halle, zwei Angestellte, zig Versicherungen. Die Fixkosten beliefen sich auf 20.000 Franken im Monat. Und da war noch kein Flug, kein Essen dabei. Im Jahr vor Sotschi stand in meiner Steuererklärung, dass eine Million reinkam und eine rausging.

ZEIT: Ihr Investment ging auf. 2014 wurden Sie – mit 25 Jahren – Olympia-Sieger.

Podladtchikov: Das war eine Genugtuung! Mein Einkommen vervielfachte sich auf einen Schlag. Ich hatte alles in Olympia investiert, und als ich gewann, wollte ich mich belohnen. Ich habe Freunde nach New York ausgeflogen, die Suite im Chateau Marmont in Hollywood gebucht, die Bon Jovi zuvor zwei Jahre lang bewohnt hatte. Ich habe mit der Extravaganz eines neureichen Russen gelebt – was ich nicht verwerflich finde, wenn du so was Großes schaffst.