DIE ZEIT: Das Bild von Islamisten ist oft verbunden mit Terrorattentätern, Dschihadisten, IS-Kämpfern. Aus Ihrer Sicht verkennen wir aber die Bedrohung, die von legalistisch agierenden Islamisten ausgeht. Wenn es nicht die Bereitschaft zur Gewalt ist, was macht diese so gefährlich?

Heiko Heinisch: Sie verfolgen langfristig das gleiche Ziel. Es besteht in der Zerstörung der demokratischen und pluralistischen Gesellschaft. Der gewalttätige Islamismus ist nur die Spitze des Eisbergs einer Ideologie, die Staat und Gesellschaft nach islamischen Regeln transformieren will.

Nina Scholz: Islamisten träumen von einer unter einem Kalifat geeinten idealen islamischen Weltgemeinschaft. Der Islam wird nicht nur als spiritueller Rahmen betrachtet, sondern als politisch-religiöses Konzept, das alles und alle von Grund auf bestimmen soll.

ZEIT: Schon Ihr erster Satz im Buch lautet: "Wir haben ein Problem mit dem islamischen Mainstream." Sie meinen also, die große Mehrheit der Muslime ist heute islamistisch und radikalisiert?

Heinisch: Nicht die Mehrheit der Muslime, aber jene Organisationen, die vorgeben, sie zu vertreten, gehören durchwegs politisch-islamischen Strömungen an.

ZEIT: Ist das eine neuere Entwicklung?

Heinisch: Seit den Siebzigerjahren hat sich zunehmend eine islamistisch-puritanische Richtung durchgesetzt. Der Startschuss war die Revolution im schiitischen Iran. Von dort bezog auch der sunnitisch-islamistische Diskurs die Erfahrung, dass die Islamisierung von Staat und Gesellschaft gelingen kann.

Scholz: Gleichzeitig gerieten die säkularen Diktaturen in der arabischen Welt in die Kritik, weil sie keine Lösungen für die sozialen Probleme der Menschen anbieten konnten. Diese Lücke füllte die Muslimbruderschaft mit Wohltätigkeitsprogrammen, gleichzeitig propagierte sie die Parole: Der Islam ist die Lösung.

ZEIT: Sie warnen aber, dass islamistische Organisationen längst dabei seien, auch Europa zu unterwandern. Wie konnte es dazu kommen?

Scholz: Erste Proponenten des politischen Islams erhielten im Zuge der Verfolgung der Muslimbruderschaft in Ägypten Mitte der Fünfzigerjahre Asyl in Europa. Im Exil begannen sie mit dem Aufbau von Strukturen, die zunächst die Bewegung im Heimatland unterstützen sollten. Als größere muslimische Communitys entstanden, dehnten sie ihre Ambitionen auf Europa aus. Dabei wurden sie von Staaten wie Katar oder Saudi-Arabien mit viel Geld unterstützt.

ZEIT: Für seine Investitionen und dadurch Einflussnahme wird heute auch der türkische Präsident Erdoğan kritisiert.

Heinisch: Erdoğan betrachtet die türkische Community in Europa als seine fünfte Kolonne. Seit gut zehn Jahren investiert er massiv in den Bau von Schulen, Moscheen und nimmt über ihm ergebene Vereine Einfluss auf hier lebende muslimische Communitys.

Scholz: Zudem sind Politik und Medien in Westeuropa gewohnt, mit organisierten Strukturen zu kommunizieren, was den aus dem Ausland gesteuerten Islamverbänden in die Hände spielt. Sie konnten sich als Vertreter aller Muslime etablieren und den Diskurs dominieren.

ZEIT: Wer steuert da wen?

Scholz: Im Grunde werden alle großen Verbände in Deutschland wie in Österreich entweder von der türkischen, neo-osmanischen und islamistischen Millî-Görüş-Bewegung dominiert, von der Muslimbruderschaft, oder von dem staatlich türkischen Moscheeverband – in Österreich ATIB, in Deutschland DITIB –, der unter Erdoğan islamistisch ideologisiert wurde.

ZEIT: Diese verurteilen doch regelmäßig den IS und Terrorangriffe?

Scholz: Ja, aber sie haben sich nie vom politisch-theologischen Konzept des Dschihad distanziert. Gruppen wie der Liberal-Islamische Bund oder die Initiative Säkularer Muslime, die die theologischen Prämissen der Verbindung von Religion, Politik und Staat tatsächlich zurückweisen, sind bisher randständig.

ZEIT: Lässt sich abschätzen, wie viele Menschen hierzulande islamistisch gesinnt sind?

Scholz: Schwer. Wir können nur jene Organisationen identifizieren, die einen politischen Islam vertreten, und müssen feststellen, dass sie über den Großteil der Moscheen, über Kindergärten und Schulen verfügen.

ZEIT: Daraus lässt sich noch nicht auf die Gesinnung aller ihrer Mitglieder schließen.

Heinisch: Nein, aber wer diese Vereine frequentiert, in ihre Moscheen geht oder seine Kinder in den Koranunterricht schickt, läuft Gefahr, islamistischem Gedankengut ausgesetzt zu werden.