Ich kann mich an eine Zeit ohne Bücher nicht erinnern – gut möglich, dass ich damit einer Minderheit meiner Generation angehöre. Denn natürlich kenne auch ich einige leidenschaftliche Buchgegner: Für sie ist Lesen langweilig und anstrengend.

Die Frage, ob das Buch überleben kann, wurde mir schon vor zehn Jahren gestellt – und trotzdem hat sich kaum etwas getan. Es gibt Romane, die Chats in den Text einbauen und mit gestalterischen Spielereien versuchen, wie Websites auszusehen. In meinen Augen sind das alles krampfhafte Anbiederungsversuche.

Selbst für mich ist es inzwischen viel spannender zu sehen, welche digitalen Erzählformen entstehen: von der Instagram-Story bis zu WordPad-Gruppen und ausufernden Netzserien. Dass junge Menschen wie ich im Digitalen vieles finden, was uns begeistert, hat auch damit zu tun, dass wir uns in der für uns gedachten Literatur nicht wiederfinden: Es ist anstrengend, dauerhaft unterschätzt zu werden – als wären wir alle gehirnlose Smartphonezombies. Wer uns erreichen will, sollte zuallererst die Kategorie "junger Mensch" neu denken: Wir sind nicht alle gleich, wir sind nicht alle verloren.

Jungsein ist ein Zwischenzustand, ein Nicht-mehr-da und Noch-nicht-hier, ein Ausprobieren und Hinterfragen. Ich will Geschichten, die dazu passen. Ich will etwas, das mich fordert, überrascht, womit ich mich identifizieren kann – oder gerade nicht. Ich finde Bücher, die sich mit politischen Fragen beschäftigen, wichtig. Ich möchte aber nicht bevormundet werden. Ich will Denkanstöße, keine Denkgebote. Mich beschäftigt, wie wir miteinander umgehen, wie wir Grenzen und Identitäten bestimmen und welche Gewalt entstehen kann, wenn man einander nicht zuhört. Wir brauchen eine Vielzahl an Geschichten, die sich unterscheiden, widersprechen, miteinander im Dialog stehen. Geschichten, die uns helfen, Verständnis aufzubauen und Wahrheiten nicht als absolut anzusehen.

Ich wünsche mir von den deutschen Verlagen, dass sie mehr wagen: Macht weniger Bücher aus Europa und den USA, bringt Übersetzungen aus anderen Regionen. Ihr könntet unsere Welt größer machen, stattdessen verkleinert ihr sie – und uns gleich mit. Wir werden in Zielgruppen eingeteilt, Farbcodes und Schriftarten sollen uns zu den richtigen Büchern führen. Aber nicht alle 15-jährigen Mädchen mögen Liebesgeschichten, nicht alle 16-jährigen Jungs Science-Fiction.

Erzieht uns nicht – und schon gar nicht zu dummen Konsumenten. Ich wünsche mir auch, dass Verlage ihre gesellschaftliche Aufgabe ernster nehmen, dass sie nicht nur an den unmittelbaren Verkauf von Büchern denken – auch wenn sie, schon klar, Wirtschaftsunternehmen sind. Warum gebt ihr uns nicht den Raum, zu entdecken, welche großartigen Welten zwischen den Seiten eines Buches stecken? Und wie wir mit diesen Welten unsere eigene gestalten können? Dann werden wir uns auch weiter Geschichten durch, über und mit Büchern erzählen.