DIE ZEIT: Herr Humann, Sie haben als Verleger Harry Potter für Deutschland entdeckt und bei Carlsen herausgebracht. Andere Verlage hatten das Manuskript vorher abgelehnt. Woran erkennt man ein gutes Kinderbuch?

Klaus Humann: Ein gutes Kinderbuch ist eins, das mir gefällt. Es muss mich überraschen, mir neue Blickwinkel zeigen, von vorgefertigten Meinungen abweichen, Humor haben. Die Protagonisten entwickeln sich und sind nicht wie bei den Fünf Freunden am Anfang genauso wie am Ende. Ein gutes Kinderbuch findet viele Leser – und es darf nicht pädagogisch sein.

Stefanie Höfler: Das ist ja inzwischen eine relativ gängige Meinung, dass ein Kinderbuch besser nicht zu pädagogisch ist.

ZEIT: Sagen Sie als Lehrerin an einem Gymnasium. Sie sind auch eine preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchautorin. Stimmen Sie denn zu?

Höfler: Klar, ich will nicht belehrt werden, ich will lesend davon träumen, jemand anderes zu sein – ein Mensch, ein Tier, ein Fantasiewesen, egal. Ein gutes Buch durchbricht immer die Grenzen meiner Welt.

ZEIT: Frau Roeder, als Literaturwissenschaftlerin beschäftigen Sie sich mit Kinder- und Jugendbüchern und bilden Lehrer aus. Welche wissenschaftlichen Kriterien gibt es für ein gutes Kinderbuch?

Caroline Roeder: Neben der sprachlichen und ästhetischen Qualität ist es wichtig, dass ein Buch eine kindliche Lebenswelt abbildet, damit sich junge Leser in die Figuren hineinversetzen können. Die Geschichte muss so erzählt sein, dass sie den Horizont eines Kindes erreichen kann. Bei zu vielen zeitlichen Sprüngen kommt ein Achtjähriger zum Beispiel kognitiv nicht mehr hinterher. Auch die Aktualität ist ein Kriterium. Was nicht heißt, dass jedes Buch, das von Flucht erzählt, gut oder bedeutsam ist.

Humann: Ich denke gerade an die vielen furchtbaren Bücher, die es zu Genderfragen gibt, zu getrennten Eltern, zu Alkoholismus. Die sind literarisch ziemlich wertlos.

Roeder: Genauso all die Bücher, die vorgeben, Diversitätsforderungen zu erfüllen, indem sie etwa im Bilderbuch Kinder aller Hautfarben in plakativer Harmonie in Szene setzen – wie United Colors of Benetton. Gute Bücher eröffnen dagegen eine neue Perspektive auf unsere Lebenswelt, weil uns die Protagonisten berühren, nicht indem sie zwanghaft etwas vermitteln wollen.

Höfler: Also ich schreibe schon Bücher, die etwas vermitteln. Werte, die mir wichtig sind, wie gelebte Vielfalt in einer Gesellschaft. Das passiert ganz von selbst.

ZEIT: Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Höfler: In meinem Roman Tanz der Tiefseequalle hat eine der Hauptfiguren ägyptische Wurzeln. Das scheint für viele junge Leser sehr bedeutsam, sie sprechen mich bei Lesungen darauf an. Beim Schreiben habe ich mir aber darüber gar nicht groß Gedanken gemacht. Ich habe das abgebildet, was ich im Klassenraum jeden Tag erlebe, denn dort mischen sich die Kulturen ja längst.

Humann: Nach so etwas habe ich als Verleger oft gesucht. Ich fand es immer sehr schwierig – und ziemlich enttäuschend, dass in deutschen Bilderbüchern überhaupt keine Kinder vorkommen, die in irgendeiner Form anders aussehen. Das gab es in den Lizenzen aus England oder Amerika, komischerweise kommt es bei uns kaum einem Illustrator in den Sinn, ein Kind mit dunkler Hautfarbe zu zeichnen, obwohl es viel mehr unserer Wirklichkeit entsprechen würde.

Höfler: Vielleicht bin ich da altmodisch oder autoritär, aber ich finde, in einer Gesellschaft, in der permanent polarisiert wird und sich viele nur noch in ihren geschlossenen Blasen bewegen, muss die Literatur – wie jede andere Kunst – Menschen die Augen für das Andere öffnen. Dieser Perspektivwechsel ist ein Pfeiler unserer Demokratie.