Eine gute Geschichte muss mindestens tausend Wörter haben, sagt der Uhu, und der muss es wissen, denn er ist das weiseste Tier und der beste Geschichtenerzähler zwischen Sommerwiese und Winterwald (behauptet er). Und spannend muss eine Geschichte sein, sagt der Uhu, und lustig, und manchmal auch ein kleines bisschen traurig. Und am Ende müssen alle wieder fröhlich sein. Das hat er gesagt, und dann hat er mir die Geschichte von Blau-Auge erzählt; und dir erzähle ich sie jetzt weiter – aber ob es tausend Wörter werden, müssen wir erst mal sehen. Wenn nicht, ist das vielleicht auch nicht so schlimm: Ich glaube nämlich, dass der Uhu nur angegeben hat und gar nicht bis tausend zählen kann.

Die Geschichte von Blau-Auge fängt genau in dem Augenblick an, als Mama Reh unter dem Heckenrosenstrauch ein kleines graues Puscheliges entdeckt, das den Kopf zwischen seinen Pfoten versteckt. "Mama!", weint das kleine graue Puschelige. "Hat das hier schon die ganze Zeit gelegen?", fragt Mama Reh verblüfft. "Wie heißt du denn?" – "Mama!", weint das kleine graue Puschelige wieder. "Heißt es Mama?", fragt Glanzfell, das kleinste Rehkitz von allen. "Darf das so heißen?" Und daran merkst du schon, Glanzfell ist wirklich noch sehr klein und dumm.

"Hat irgendwer schon mal so was gesehen, gesehen?", ruft Mama Waldmaus und guckt suchend von rechts nach links und von hinten nach vorne. Sie hat alle Pfoten voll damit zu tun, immer wieder ihre fünf Jungen einzufangen. "Es ist grau wie ich, es ist grau wie ich, aber ein Verwandter von mir ist es nicht, ist es nicht!" – "Das hätte auch niemand vermutet, Waldmaus!", sagt Papa Wildschwein, der Keiler, schlecht gelaunt. "Immerhin ist es ja tausendmal größer als du!" – "Nun, wie ihr wisst, bin ich fast ein Uhu!", ruft da der Waldkauz von einem Zweig irgendwo über ihren Köpfen und plustert sich auf. "Und ist der Uhu nicht das weiseste Tier des Waldes? Darum sage ich euch ..." – "Ach, papperlapapp!", sagt Papa Kaninchen. "Immer musst du dich aufspielen, Waldkauz!" Aber wenn der Waldkauz sich wichtig fühlt, kann nicht mal eine Beleidigung ihn stoppen. "Darum sage ich euch: Das ist ein Bär!" Die Dachsfamilie hat sich bisher ein bisschen entfernt von den anderen aufgehalten, aber nun drängt Papa Dachs sich nach vorne. "Das ist ein Fuchs, hat denn noch niemand von euch einen kleinen Fuchs gesehen? Meine Familie hat viele Sonnenwenden mit einer Fuchsfamilie im selben Bau gelebt, darum erkenne ich einen jungen Fuchs an seiner Nasenspitze!" – "Ein Fuchs?", flüstert Mama Reh und macht erschrocken einen Satz zurück. "Nun, da muss ich aufs Schärfste widersprechen!", ruft der Waldkauz. "Ein Fuchs ist rot, das wissen sogar die Ameisen, und jemand wie ich, der fast ein weiser Uhu ist, weiß das erst recht!"

Aber du fragst dich bestimmt schon die ganze Zeit, wieso all diese Tiere, die doch sonst überhaupt nicht miteinander befreundet sind, sich an diesem Abend unter den Heckenrosensträuchern versammelt hatten, oder? Dann muss ich dir das noch schnell erzählen.

Ein Gewitter tobte über das Land, und Blitze zerteilten den Himmel. Ein Blitz, der heller war als alle Blitze zuvor, hatte sich eine abgestorbene alte Fichte ausgesucht, die kahl und morsch in den Himmel ragte, und setzte sie in Flammen. Und kaum hatte die Fichte angefangen zu brennen, da sprühten Funken hierhin und dorthin und entzündeten auch die nächsten Bäume um sie herum, und bevor irgendwer etwas tun konnte – aber was hätten die Tiere wohl auch tun sollen? –, stand der ganze Wald in Flammen.

Sie rannten, so schnell sie konnten: die Familie Wildschwein und die Familie Reh und die wuselige Familie Waldmaus genauso wie Familie Dachs und Familie Fuchs und die Familie Hase und die Familie Kaninchen und die Familie Igel. Und während der Regen allmählich die wütenden Flammen löschte, sammelten sich die Tiere nass und erschöpft unter den Heckenrosensträuchern am Rande der Sommerwiese, wo unsere Geschichte angefangen hat, und da hocken sie jetzt also.

"Ich stimme zu, das da ist ein junger Fuchs!", sagt der Keiler und schnüffelt mit seinem Wildschweinrüssel an dem kleinen grauen Bündel. "He, du da! Wo ist deine Familie?" – "Mama!", weint da das kleine graue Puschelige. "Es sagt schon wieder, dass es Mama heißt!", sagt Glanzfell empört, aber Mama Reh gibt ihr ein Zeichen, dass sie still sein soll. "Wie kannst du nach seiner Familie fragen, Papa Wildschwein? Du siehst doch wohl, dass es gerade darum weint, weil es seine Familie verloren hat!" Und dann stupst Mama Reh den kleinen Fuchs an, und sie schleckt ihm sogar ein wenig über das Fell, als wäre er eins ihrer eigenen Kinder.

"Er sucht seine Mutter, das seht ihr doch alle!" – "Dann muss man ja befürchten, muss man ja befürchten!", ruft Mama Waldmaus erschrocken und dreht sich wild im Kreis. "Dass seine Familie vielleicht im Feuer, im Feuer?" – "Pst, Mama Waldmaus, sei doch still!", sagt Mama Reh und schleckt dem kleinen Fuchs noch einmal tröstend über sein Fell. "Was soll denn jetzt bloß aus ihm werden?", flüstert Mama Reh. "Allein kann er doch ganz sicher noch nicht für sich sorgen, und ihr alle wisst, wie viele Gefahren im Wald und auf den Wiesen lauern! Oder wenn der Kleine hier womöglich einem Zweifüßler begegnet ..." – "Einem Zweifüßler, Zweifüßler!", sagt Mama Waldmaus erschrocken, und sogar die Frischlinge, die frechen Kinder von Papa Wildschwein, drängen sich bei diesem Wort erschrocken näher an ihre Eltern.

"Nun, auch wenn er grau ist, wenn er grau ist!", murmelt Mama Waldmaus. "Ihr seht ja, dass ich schon mit meinen Kindern genug zu tun habe, zu tun habe!" Das haben die anderen Tiere wirklich gesehen, und außerdem finden sie alle, dass die Waldmaus viel zu winzig ist, um dem Fuchsjungen seine Mama zu ersetzen; aber sie sind zu höflich, um das zu sagen.

Natürlich sind wir weisen Uhus hilfsbereiter als jedes andere Tier zwischen Winterwald und Sommerwiese!", ruft der Waldkauz und schlägt aufgeregt mit den Flügeln. "Schon allein wegen unserer Klugheit! Aber jeder weiß, dass Füchse gefährlich sind! Und außerdem wird ja wohl jeder einsehen, dass dieses Fuchsjunge kaum hoch in mein Nest fliegen könnte." – "Wie ist es mit dir, Papa Dachs?", fragt Mama Reh bittend. "Nimm den jungen Fuchs doch mit zu euch in deinen Bau, ich glaube, das wäre am klügsten!" Aber Papa Dachs hat ihnen schon den Rücken zugewandt und sich mit seiner Familie auf den Weg gemacht. "Einem Fuchs ist nicht zu trauen, glaubt mir!", ruft er über seine Schulter, während seine Frau versucht, ihre Kinder zusammenzuhalten.