Ordnungsliebende Länder, wie die Schweiz eines ist, haben Techniken entwickelt, ihre missliebigen historischen Figuren wegzusperren. Will heißen: Sie vergessen sie willentlich. Dazu gehören hierzulande sanfte Revolutionäre wie Henry Dunant, Vertreter einer Welt ohne Waffen in einer Zeit, in der Friede ein Begriff für Feiglinge und Frauen war. Oder die erste Juristin Europas, Emily Kempin-Spyri, die zwar in Zürich studierte, aber über den Atlantik reisen musste, um Recht zu lehren, und die schließlich in der Irrenanstalt Basel ihren Kämpfen gegen die eigene Familie erlag. Oder auch die belesene Bernerin Julie Bondeli, Freundin der Philosophen Christoph Martin Wieland und Jean-Jacques Rousseau. Sie endete in der historischen Versenkung, während ihr Lehrer Samuel Henzi, der an die Begabung der Frauen glaubte, wegen seiner Proteste gegen die Berner Oligarchie sogar öffentlich enthauptet wurde.

All diese Ausgegrenzten dachten eigenständiger als der Mainstream. Ihre Ideen waren ungewohnt, ungeheuerlich – sie fehlen uns heute.

Doch der unruhige Weltengang kehrt mit seinen geistesgeschichtlichen Erosionsprozesse längst Verschüttetes irgendwann immer nach oben. Und schließlich finden die verdrängten Geschichten jemanden, der sich ihrer annimmt.

So ist es mir mit Mentona Moser, der reichsten Revolutionärin Europas, ergangen.

Und das kam so. In den 1980er-Jahren erhielt der Vorstand des Schweizerischen Schriftstellerverbands, dem ich damals angehörte, eine seltene Einladung: für einen Besuch in der DDR. Niemand von uns war je in diesem abgeschotteten Land gewesen, und alle waren wir neugierig darauf, den Arbeiter- und Bauernstaat kennenzulernen. Also ließen wir das Los entscheiden, wer die Reise antreten durfte. Das Glück traf einen jungen Kollegen aus Bern und – mich.

Nach einer Visite beim Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik in Bern konnte es losgehen, im Mai 1986 brachte uns der Nachtzug nach Berlin.

Am ersten Tag in Ost-Berlin führte uns der Chef des Schriftstellerverbands der DDR durch den Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg. Auf einmal blieb er vor einem Grab stehen: "Hier, geschätzte Gäste, liegt eine Heldin aus der Schweiz", sagte er. "Mentona Moser, geboren 1874, gestorben 1971. Ich kenne keine Frau, die in schwieriger Zeit so selbstlos für andere Menschen gewirkt hat. Sie wird doch hoffentlich immer noch verehrt in Ihrer Heimat?"

Weder mein Kollege Urs Berner noch ich hatten je diesen Namen gehört. Abends, als wir in der Wohnung der Autorin Irmtraud Morgner zu Gast waren, erkundigten wir uns nach dieser Unbekannten. Irmtraud erzählte, sie habe als junge Journalistin Artikel schreiben wollen über das Wirken dieser Frau, habe aber keine Zeugen aus dem Westen befragen können und sich darum auf die letzten Lebensstationen dieser Menschenfreundin beschränken müssen. Auf die Zeit also, die Mentona Moser hochbetagt in einem Pionierheim in Berlin verbracht habe. Dann sagte Irmtraud zu mir: "Du lebst ja nahe an den Orten ihrer Jugend, Eveline, willst nicht du recherchieren? Erzähl mir in zwei Jahren, was du erfahren hast, wir treffen uns am Literaturkongress."