Immer wenn es regnet, fällt mir eine kleine Begebenheit ein, die ich als Studentin erlebte. Ich war vom Wohnheim aus auf dem Weg zur Bibliothek – so hoffe ich im Nachhinein zumindest –, als ein heftiger Wolkenbruch drohte. Ich stellte mich im überdachten Eingangsbereich eines Plattenbaus unter, aus dem ein älterer Herr trat, kurz gen Himmel blickte und die Wetterlage knapp mit einem "Die spinnen wohl!" einschätzte.

"Die spinnen wohl!" – diesen Ausruf sollte ich in den Folgejahren noch häufig hören. Bei jedem Wetter übrigens. Irgendwann fiel dieser Satz immer. Es war nur eine Frage der Zeit, wenn man auf zufällige Weise mit ganz normalen Menschen ins Gespräch zu kommen pflegte: mit dem Wart der Turnhalle, in der man gerade trainierte zum Beispiel, mit der Angestellten am Bahnticketschalter, mit dem Pförtner des Unternehmens, in dem man gerade arbeitete.

Natürlich ging es dabei meistens um die Einschätzung von Entscheidungen politischer Art. Dann wurde das "Die spinnen wohl" ganz gern mit einem "die da oben" kombiniert. Natürlich hatte es all das schon in Zeiten vor dem Mauerfall gegeben, nur war man damals leiser empört, weil "die da oben" bekanntlich sehr genau hinhörten.

Schön ist, dass man diesen Satz heute laut äußern kann. Weniger schön finde ich, dass er noch immer nichts zu bewirken scheint. Überhaupt: Müsste er nicht längst verhallt sein? Schließlich ist doch auch der Osten des Landes vor 30 Jahren mit der Demokratie beschenkt worden. Sollte man nicht langsam zur Teilhabe geschritten sein? Betrachtet man das enorme Misstrauen vieler Sachsen, das sie in Dresden, Bautzen, Freital und mittlerweile auch in anderen sächsischen Regionen für Berlin empfinden, meint man eher, das Gegenteil sei der Fall. Selbst wenn man mit gemäßigteren Gemütern (noch) ins Gespräch kommt, wird doch immer wieder der Vorwurf laut, "die Politiker" stünden nicht auf dem Boden der Tatsachen.

Wie konnte das geschehen? Ist es vielleicht wirklich so, dass die Ostdeutschen eine große Sehnsucht nach einem starken Machthaber verspüren, auf den man dann zwar heimlich ein wenig schimpfen kann, aber nur, um in der nächsten Minute ziemlich rasch zur regelkonformen Tagesordnung überzugehen?

Ja. Und nein. Denn nicht jeder Ostdeutsche, der sich nicht in Parteien für die Demokratie engagiert, ist ein lethargischer Zurücklehner mit Blockwart-Gen und verbalem Wut-Akku. Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich daran denken, dass genau heute vor 29 Jahren sehr viel Hoffnung ins Land strahlte: Am 18. März 1990 fanden die freien Wahlen in der DDR statt. Sogar "die da oben" schienen die Bedeutung dieses Tages verstanden zu haben, das Wetter war hervorragend: frühlingshaft, sonnig, warm. Ich erinnere mich, dass die ganze Familie fein angezogen zum Wahllokal geschritten und von dort irgendwie bewegt zurückgekehrt war.

Es ist nur eine von zigtausend Situationen, die zeigen soll, mit welch riesigen, vielleicht auch naiven, aber vor allem wohlwollenden Erwartungen die Menschen im Osten damals auf die Politik schauten. Erwartungen, die mit jedem Jahr der Wiedervereinigung zu schrumpfen begannen, bis sie bei vielen in Enttäuschungen mündeten.

Und trotz der Tatsache, dass es schlichtweg falsch ist, das Berufsbild des Politikers an sich zu diskreditieren, Ohnmachtsgefühle gegenüber "denen da oben", die hat wahrscheinlich jeder schon einmal gehabt.

Ich erinnere mich zum Beispiel an viele Jahre in Leipzig, in denen immer wieder Truppen der "Rechten" um das Ultra-Urgestein Christian Worch anreisten, um zu marschieren. Die Teilnehmerzahlen variierten von Jahr zu Jahr, ebenso wie die Zahl der Gegner. Fakt war: Immer wieder stellten sich Bündnisse den Glatzen unterschiedlich und originell entgegen. Immer wieder herrschte die Sorge vor erneuten Zusammenstößen zwischen den Gruppen. Ich habe lange mit diesem Preis der Freiheit, der auch den Rechtsextremen einen großen Raum gibt, gehadert. Ich fand ihn zu hoch und die Politik zu wenig handlungsfreudig gegen rechts.

Warum aber haben sich nicht mehr DDR-Bürger als politische Akteure in die Parteienarbeit eingebracht? Warum ich selbst nicht? Sicher gibt es dafür vielschichtige und sehr individuelle Gründe, aber sagen kann man wohl, dass vielen eine Parteimitgliedschaft noch immer leicht suspekt ist. Ich wäre im Osten nie in die SED eingetreten, ich bin kein Parteientyp.

Viele meiner Freunde sagen, sie seien nicht gemacht für die politische Welt. Sie sehen sich dort völlig fehl am Platze. Ich kann das gut nachvollziehen. Und es ist die bittere Ironie des Tages, dass der 18. März nicht nur an die ersten freien Wahlen im Osten erinnert, sondern auch an den Todestag Guido Westerwelles vor zwei Jahren. Ich war kein großer Anhänger Westerwelles. Der einzige Satz, der mir von ihm in Erinnerung geblieben ist, stammt aus der Zeit nach seiner Erkrankung. Er sagte: "Was des Menschen Werk ist, kann auch von Menschen verändert werden." Ich fand es damals einmal mehr unerhört traurig, dass das Wesentliche immer oft erst kurz vorm Abgrund erkannt zu werden scheint. Über die Verhältnisse in der Politik aber sagt es auch eine Menge. Man kann es kaum jemandem verübeln, da lieber nicht mitmachen zu wollen. Vielleicht spinnen die da oben tatsächlich. Vielleicht aber spinne auch ich, wenn ich noch immer fest daran glaube.