Könnte es sein, dass Martin Dulig mit aller Kraft versucht, Zuversicht auszustrahlen, Spaß zu verbreiten – obwohl ihm manchmal überhaupt nicht danach ist?

Dass er nicht unbedingt der geborene Spaßpolitiker ist, sondern auch ein sensibler Mann, dem die zurückliegenden Jahre in Sachsen zugesetzt haben, zeigt sich an einem Abend im Kino von Löbau, ganz im Osten Sachsens. Dulig trägt eine rote Hose und ein blaues Jackett. Freizeitlook – aber man darf ihn an diesem Tag begleiten. Noch im Eingangsbereich legt er seinen Kopf auf die Schulter seiner Frau Susann, die ebenfalls dabei ist. "Wann waren wir das letzte Mal im Kino?", fragt er. Ewig her, antwortet sie. Die beiden sehen sich an diesem Tag einen Dokumentarfilm namens Aggregat an, über Politik und Populismus in Deutschland. Auch Dulig ist für diesen Film interviewt worden. Zu sehen sind Bilder vom Tag der Deutschen Einheit in Dresden, 2016. Damals schrien Pegida-Demonstranten die angereiste Politik-Prominenz regelrecht nieder. Dulig sagt, noch im Kino, dass ihn das alles ganz schön berühre. Später, in einer Gaststätte, erklärt er, was genau er damit meint. Am Tag des 3. Oktober sei er mit seiner Frau und einem ihrer sechs gemeinsamen Kinder nach Dresden gekommen. Zusammen wollten die drei den Festgottesdienst besuchen. Weil das Gebrüll der Pegidisten irgendwann so bedrohlich wurde, sie sogar Übergriffe für möglich hielten, habe das Paar regelrecht Angst bekommen, vor allem um den Sohn. "Lauf hinter uns, damit man nicht sieht, dass du uns gehörst!", habe Susann Dulig ihm zugeraunt.

Man musste dem eigenen Sohn empfehlen, bloß nicht mit den Eltern in Verbindung gebracht zu werden.

Nach diesem Erlebnis seien sie als Familie einige Tage später extra noch einmal zur Frauenkirche gegangen, um sich mit dem Ort zu versöhnen, um die Sache zu verarbeiten.

Duligs Frau war es auch – sie leugnet das gar nicht –, die nichts dagegen gehabt hätte, wenn ihr Mann im Frühjahr 2018 nach Berlin gegangen wäre, in die Bundesregierung. Tatsächlich hat es diese Chance für Martin Dulig gegeben. Er verzichtete.

Als die SPD bei der Regierungsbildung dringend nach einem ostdeutschen Minister suchte, war Dulig einer der aussichtsreichen Kandidaten. Er, studierter Sozialpädagoge, sollte Bundesfamilienminister werden. Aber er wollte nicht. Denn er werde in Sachsen noch gebraucht, es sei der falsche Zeitpunkt. Dulig findet, er habe in Sachsen noch eine Mission vor sich. Er ließ sich immerhin zum Ostbeauftragten der Bundes-SPD ernennen. Ein Job, den er auch von Dresden aus machen kann.

Wenn man wissen will, warum Martin Dulig seinem sächsischen Dilemma nicht einfach entflohen ist, warum er den undankbaren Posten des Sachsen-Parteichefs nicht aufgegeben hat, um den vergleichsweise dankbaren Posten als Bundesfamilienminister zu übernehmen, dann muss man sich einen Satz vor Augen führen, den er schon vor Jahren in Interviews gesagt hat und den er seitdem regelmäßig wiederholt: "Wir müssen uns mit Land und Leuten versöhnen."

Für Dulig ist dieser Satz zum großen Ziel geworden und unwissentlich auch zum Fluch. Das Problem der SPD sei es gewesen, sagt er, dass sie mit den Sachsen von 1990 an gefremdelt habe. "Wir gehörten nicht dazu", sagt er. "Wir sind mit diesem Land nicht warm geworden."

Mal abgesehen davon, dass diese Analyse wohl zutreffend ist, ist sie vor allem mutig: Wann trifft man schon einmal einen Parteichef, der seiner Partei attestiert, mit dem eigenen Land zu fremdeln?

Aber die Schlüsse, die Dulig daraus gezogen hat, haben ihn auf eigenartige Weise in einen Politiker verwandelt, dem es um die schönen, auffälligen Bilder geht. In einen Instagram-Minister, der versucht, dem Land den ganzen Tag zu beweisen, dass er mit ihm warm werden will.

Tatsächlich ist die Vergangenheit der sächsischen SPD, das muss man zunächst einmal sagen, so verkorkst, dass sie für jeden Vorsitzenden ein Problem darstellen würde. Die erste Enttäuschung kam schon 1990. Damals nahm die SPD für sich in Anspruch, mindestens in Sachsen stärkste Kraft werden zu können. Dann aber verlor sie die Volkskammerwahl 1990 deutlich. Die Wähler wandten sich der CDU zu. Von den Wählern enttäuscht zu sein – das ist deswegen so etwas wie die Urerfahrung der sächsischen SPD. Als die Partei wenig später, im Herbst 1990, mit Anke Fuchs zur Landtagswahl antrat, einer westdeutschen Spitzenkandidatin, die erklärte, dass sie im Falle einer Niederlage selbstverständlich zurück nach Bonn gehen werde – da war das Verhältnis zwischen den Sachsen und der SPD im Grunde schon zerrüttet.