Zu der Zeit, als Martin Dulig diese Partei Jahre später übernahm, hatte sie kaum noch prominente Politiker. Er selber war 35, er wollte schnell bekannter werden. Die erste Wahlkampagne mit ihm als Spitzenkandidat war komplett auf ihn zugeschnitten, Fernsehteams empfing er bei sich daheim in Moritzburg. Generalsekretär Dirk Panter sagte: "Wir setzen auf Martin, weil er bekannt und sympathisch ist und auch noch gut aussieht." Damals kam auch die Idee mit dem Küchentisch auf. Dulig funktionierte ihn zur Requisite um und fuhr damit in Sachsen von Stadt zu Stadt, um daran mit Bürgern zu diskutieren. Die "Küchentischtour" gibt es bis heute. Vom "vielleicht besten Wahlkampf, den es seit Willy Brandts Zeiten in der SPD gegeben hat", schwärmte 2014 die Süddeutsche Zeitung. Er endete, wie gesagt, mit gut zwölf Prozent der Stimmen.

Dulig findet bis heute, dass es ihm und seiner Partei lediglich an Sichtbarkeit fehle. Eben weil man sich mit den Sachsen noch versöhnen müsse.

Deshalb ist Dulig seit Jahren darauf aus, mit öffentlichkeitswirksamen Bildern möglichst viele Bürger zu erreichen, um ihnen zu zeigen, wie gut es ihm hier gefällt, wie nah er bei den Leuten ist. Deswegen die Planschtour im Wildwasserkanal, deswegen seine Auftritte als Undercover-Arbeiter.

Dulig ist zum Beispiel davon überzeugt, dass seine Erfolge als Wirtschaftsminister mehr gesehen werden sollten. Er habe "in vielen Bereichen Ordnung reingebracht", findet er. Habe Planungssicherheit beim öffentlichen Personennahverkehr geschaffen, habe die CDU gedrängt, Geld für die Digitalisierung bereitzustellen und den Personalabbau zu stoppen, habe dazu beigetragen, dass Sachsen sich zum Elektromobilitätsstandort entwickle. Nur wahrgenommen werde all das nicht. "Man hat so den Eindruck, dass wir in einer 100-Prozent-Mentalität leben", sagt er. "Die Menschen sind scheinbar erst zufrieden, wenn ihre Wünsche zu 100 Prozent umgesetzt worden sind. Dabei wird manchmal gar nicht wahrgenommen, dass es sehr wohl viele Verbesserungen gegeben hat."

Vielleicht, so hört sich das an, ist Martin Dulig längst auch ein bisschen enttäuscht von den sächsischen Wählern.

Dabei gibt es Leute, die sagen, dass seine Arbeit als Wirtschaftsminister auch nicht nur erfolgreich ist. Schlagzeilen machte zum Beispiel der groß angekündigte Unternehmensumzug des Feinkostherstellers Homann von Niedersachsen aus in die sächsische Lausitz – der dann doch scheiterte. Genauso wie der angedachte Bau einer chinesischen Autofabrik. Im Kampf um den Erhalt des Görlitzer Siemens-Werkes konnte sich statt Dulig Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) profilieren.

Dulig würde Sachsen gern zum Hochlohnland machen, erklärt er immer wieder. Aber wie das gehen kann, dazu hat auch er keine echte Idee.

Vielleicht, das sagen die, die es nicht so gut mit Martin Dulig meinen, ist ein Parteichef, der für jeden und alle interessant sein will, auch für zu wenige störend. Vielleicht fällt einer nicht auf, der alles richtig machen, aber wenig Anstoß erregen möchte.

Zur Flüchtlingspolitik, einem Thema, das vielen Sachsen wichtig ist, hat er sich selten prägnant öffentlich geäußert. Seine Partei ist zerrissen in dieser Frage, und er möchte sich auf keine Seite schlagen.

In seinem Amt als Ostbeauftragter dringt er auch kaum durch: Er steht im Schatten zweier Frauen. Da ist Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, die sich als Strippenzieherin der Sozialdemokraten des Ostens bewies. Und da ist Petra Köpping, die Frau, die Dulig zurück ins Schlauchboot zog. Sachsens Integrationsministerin begann 2016 eine Kampagne zur Aufarbeitung der Nachwendezeit. Sie füllt mit ihren Reden sogar in Bayern oder Hamburg Säle. Köpping fordert, die Lebensleistungen der Ostdeutschen anzuerkennen, das Ost-Thema hat sie sich in Sachsens SPD erobert.

Einmal erzählt Dulig, dass es Umfragewerte gebe, die ihm Hoffnung machten. Das Meinungsforschungsinstitut Insa ermittelt nicht nur, wie viel Prozent der Bürger welche Partei wählen wollen. Es ermittelt auch, wie viele Bürger sich vorstellen könnten, auch eine andere Partei zu wählen. Bei der SPD in Sachsen ist das "zusätzliche Potenzial" am höchsten, es liegt bei bis zu 20 Prozent. Das sei doch eine Chance, sagt Martin Dulig.

Aber eines wird er am Beginn dieses Wahljahrs ahnen: Chancen sind für einen Politiker immer nur gut, wenn er sie nutzt.