Vor gut drei Jahren, als wir uns für eine ZEIT-Reportage in ihrem Büro im Nordwesten Teherans trafen, warnte die Anwältin Nasrin Sotoudeh eindringlich davor, den Iran zu dämonisieren. Das Land sei komplex, widersprüchlich, es herrsche ein Ringen verschiedenster Kräfte. Völlig überzeugt war sie von der friedlichen Entwicklung der iranischen Gesellschaft: "In den Ländern ringsum endeten all die Umstürze in Blut, Chaos, Terror. Ich glaube nicht an die Revolution. Ich glaube an den langsamen Wandel." Hinter ihrem riesigen Schreibtisch schien die ohnehin schmächtige Sotoudeh fast zu verschwinden. Aber ihr Charisma und ihre Zuversicht füllten den Raum.

An jenem Tag saß in Sotoudehs Wartezimmer eine Gruppe stolzer älterer Männer, Angehörige der im Iran systematisch diskriminierten religiösen Minderheit der Bahai. Sotoudeh verteidigt sie so unerschrocken wie all die anderen, die in ihrem Land keinen oder kaum einen Rechtsbeistand finden, Minderjährige in Todeszellen, junge Frauen, die sich gegen den Verschleierungszwang wehren.

Im Jahr 2012 erhielt Sotoudeh gemeinsam mit dem Filmemacher Jafar Panahi (verurteilt zu 20 Jahren Berufsverbot und sechs Jahren Gefängnis) den renommierten Sacharow-Preis für geistige Freiheit vom Europäischen Parlament. In Panahis heimlich entstandenem Film Taxi Teheran, der im Jahr 2015 den Goldenen Bären der Berlinale gewann, konnte man Sotoudeh auf der Leinwand erleben. Sie spielte: sich selbst. Mit einem Strauß Rosen für eine im Gefängnis sitzende Mandantin (die dagegen protestiert hatte, dass Frauen im Iran der Zugang zu Sportereignissen verwehrt ist) steigt sie in das Taxi, an dessen Steuer Panahi sitzt. Die beiden sprechen über Verhöre, Schikanen. Über den Entzug von Sotoudehs Zulassung durch die iranische Anwaltskammer: "Das ist so, als ob das Teheraner Haus des Kinos dir verbieten würde, Filme zu machen", sagt sie.

Seit Juni 2018 befindet sich Nasrin Sotoudeh, Mutter zweier Kinder, selbst wieder im Gefängnis. Vor einigen Tagen wurde sie darüber informiert, dass sie von einem islamischen Revolutionsgericht zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt worden sei. Dies geschah ohne anwaltliche Vertretung und in ihrer Abwesenheit. Zu den Anklagepunkten gehörten "Anstiftung zu Korruption und Prostitution", "offenes sündhaftes Auftreten in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch" und "Störung der öffentlichen Ordnung". Die Nachrichtenagentur der Islamischen Republik hingegen vermeldete unter Berufung auf den Richter Mohamed Moghisehie eine siebenjährige Strafe für die Anwältin: fünf Jahre für "Verbrechen gegen die nationale Sicherheit" und zwei Jahre für die "Beleidigung des obersten Führers". Das sei vermutlich Teil einer gezielten Kampagne zur Verwirrung der Medien, sagt Mansoureh Mills, Londoner Iran-Beobachterin für Amnesty International, auf Anfrage der ZEIT. Sotoudeh habe das tatsächliche barbarische Urteil an diesem Montag im Gefängnis nur kurz als Schriftstück vorgelegt bekommen und sich Notizen gemacht. Man bewerte es als den Versuch der Hardliner, die in den vergangenen Monaten erstarkte iranische Bewegung gegen die Zwangsverschleierung einzuschüchtern.

Eine Petition von Amnesty, die Sotoudehs sofortige Freilassung fordert, wurde innerhalb weniger Tage von mehr als einer Viertelmillion Menschen unterzeichnet. Die iranische Botschaft in Berlin hat sich zu einer Anfrage der ZEIT in der Angelegenheit Nasrin Sotoudeh nicht geäußert.

Es mag absurd klingen, aber vielleicht gilt es gerade jetzt, sich zu jener Zuversicht zu zwingen, für die Nasrin Sotoudeh als Person und mit ihrer Berufung einsteht. Ebenjene kämpferische Zuversicht, die sie auf fast heitere Weise auch in Jafar Panahis Film verströmt. Das Vorgehen der Geheimdienste sei so offensichtlich, sagt sie da: "Erst legen sie eine Akte an. Dann wird man plötzlich angeklagt, für die CIA, den Mossad oder MI5 zu arbeiten. Und dann kommt noch irgendein Vorwurf über moralische Verfehlungen hinzu." Das Gefängnis sei das eine und das große Gefängnis der iranischen Gesellschaft das andere. Daher laute ihr Rat an den Regisseur: einfach weitermachen.

Habe sie je daran gedacht, das Land zu verlassen, wollte ich am Ende unseres Treffens in Teheran von ihr wissen. "Nein", sagte Nasrin Sotoudeh, "ich habe einen Mann, der mir zur Seite steht, und einen Beruf, den ich liebe."