Wenn Martin McAllister auf der Terrasse seines Hauses steht, blickt er auf eine Landschaft, in der er "jede Menge Zeit damit verbracht hat, auf die britische Armee zu schießen". Er sei, so viel sagt er, in der Kommandostruktur der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) "gut platziert" gewesen. Genaueres über seine frühere Position in der militanten Untergrundorganisation will der 65-Jährige nicht preisgeben. McAllister lebt heute in der Republik Irland, aber wenn er dies dem Besucher nicht sagen würde, wüsste man nicht so genau, in welchem Land man denn nun gelandet ist. Sein abgelegenes Grundstück grenzt an einen See, der gesäumt ist von ineinanderfließenden grünen Hügeln. "Das Ufer", sagt McAllister und fährt die Konturen mit dem Zeigefinger ab, "gehört zur Republik, dahinter beginnt Nordirland."

Wenn Großbritannien aus der Europäischen Union austräte, würde hier eine neue EU-Außengrenze verlaufen. An sämtlichen Überquerungen entlang einer 340 Kilometer langen Linie müssten dann Zölle kontrolliert, Produkte auf Standards geprüft oder illegale Einreisen verhindert werden. Die Geografie wäre dabei nicht der einzige Gegner. Der Landstrich ist seit hundert Jahren vor allem ein politischer Stolperdraht. Nachdem die Briten 1920 die Grenze zwischen dem Nord- und dem Südteil der Insel zogen, um eine mehrheitlich protestantisch-unionistische Provinz von der aufsässigen (Ex-)Kolonie Irland abzuspalten, bekämpfte die IRA die Teilung. Noch vor zwanzig Jahren ähnelte McAllisters Heimat, der Süden der nordirischen Grafschaft Armagh, einem Kriegsgebiet; von praktisch überall aus sahen die Bewohner auf irgendeinem Hügel einen hochgesicherten Wachturm der britischen Armee aufragen, an Checkpoints durchsuchten Soldaten Autos auf Waffen oder Sprengstoff. Die Armeestützpunkte wurden von Hubschraubern versorgt, weil am Boden Scharfschützen und Bombenleger der IRA lauerten.

Erst mit dem 1998 geschlossenen Karfreitagsabkommen wurde beides Geschichte: die Grenzkontrollen wie die Gewalt. Sollte mit dem Brexit nun aber Nordirland die EU verlassen, müsste es wieder Checkpoints geben. Droht damit auch ein Wiederaufflammen des IRA-Feldzugs?

Der Ex-IRA-Mann McAllister wiegt den Kopf. Er ist skeptisch. Die Spitze der IRA, der sogenannte Armeerat, existiere zwar noch. Aber McAllister glaubt nicht, dass es militante Republikaner wären, die als Erste losschlagen würden. "Es wären eher die ganz normalen Leute hier." Um zu erklären, warum er das so sieht, bittet er in sein Auto, zu einer Fahrt entlang des Grenzverlaufs. McAllister zeigt nach links, nach rechts, in Einfahrten, über Hecken und auf Kreuzungen. Man müsse hier aufgewachsen sein, sagt er, um die Grenze noch zu sehen. Sie verläuft quer durch Felder, Dörfer, teilweise durch Bauernhöfe. Wenn die Bewohner mancher Häuser ihre Einfahrt verlassen, befinden sie sich in einem anderen Staat. Bauern tuckern mit ihren Traktoren unablässig von Nord nach Süd und zurück. Im Jahr 1938 schrieb ein Landvermesser, die irisch-nordirische Grenze ziehe sich durch "eines der dichtesten Netze von Landstraßen in Westeuropa". Nicht weniger als 180 Straßen querten ihren Verlauf, und in beinahe 40 Fällen sei die Grenze identisch mit der Straße. In den vergangenen 20 Friedensjahren ist dieses Netzwerk so eng zusammengewachsen wie nie zuvor.

"Ich sage Ihnen, was passiert, wenn hier Zollhütten hingestellt werden", sagt McAllister. "Die werden niedergebrannt. Und wenn Metallpfähle mit Kameras aufgebaut werden, wird als Erstes deren Stromversorgung gekappt. Dann kommen die Leute nachts mit Winkelschleifern." McAllisters Hand macht erst eine Säge-, dann eine Fallbewegung. "Zack!" Grenzanlagen, glaubt er, würden schlicht weggeflext, weggebulldozert und weggebaggert werden. "Und wenn die Briten dann irgendwann bewaffnetes Personal einsetzen, um sie zu schützen, dann wird jemand auf sie schießen."

Allerdings habe die mafiaartige IRA, die heute die Grenzregion beherrsche, an einer solchen Eskalation gar kein Interesse, glaubt McAllister. Sie profitiere vielmehr von der irischen Teilung. Wie das? "Zählen Sie mal", sagt er zur Erklärung. Er meint damit die auffällig vielen Tankstellen und Mineralöllager, die hier in South Armagh die Dorfstraßen säumen. Innerhalb von drei Minuten fahren wir an nicht weniger als elf von ihnen vorbei. Hinter hohen Zäunen reihen sich oft mehrere meterhohe Treibstofftanks aneinander, daneben Benzinlaster. In den Anlagen, so McAllister, werde steuervergünstigter roter Diesel, wie er nur in der Landwirtschaft verwendet werden darf, mithilfe von Chemikalien illegal in deutlich teureren weißen Pkw-Diesel verwandelt. Die Tankstellen böten ihn mit Rabatt an. Auf einer Zapfsäule in der Republikaner-Hochburg Crossmaglen auf der nordirischen Seite der Grenze beispielsweise werden britische Pfund angezeigt, doch abgerechnet wird der Betrag in Euro, was einen niedrigeren Preis bedeutet. "Auf diese Weise hat die IRA den Krieg finanziert, und viele IRA-Führungsfiguren haben daraus persönliche Gewinne gezogen. Sie tun es bis heute." McAllister nennt Namen, bittet sie aber nicht zu veröffentlichen. "Das würde reichen, um erschossen zu werden."

Von dem, was die IRA einmal war, und von dem, was sie heute ist, erzählen zwei Wunden in McAllisters Körper. Die eine ist eine Einschussnarbe links unterhalb des Halses. Während einer IRA-"Operation" 1974, erzählt McAllister, sei er von britischen Soldaten getroffen worden. Der Schuss ging durch die Lunge. Einige der britischen Soldaten hätten auf ihn eingetreten, als er am Boden lag, aber ein anderer habe sie weggedrängt. "Er hat mich umgedreht und beatmet. Er hat mein Leben gerettet." Dieses Erlebnis habe ihn in seiner Überzeugung bestärkt, als Soldat gegen Soldaten zu kämpfen, so McAllister. Als die IRA wenig später begann, Zivilisten zu ermorden, habe er dies zunächst kritisiert und sich später von ihr abgewandt. Ende der Siebziger sei er aus der IRA ausgestiegen.

Eine "Zementierung der Ungerechtigkeit"

Sie nannten sich irische Soldaten: Als sie in den Siebzigerjahren in die IRA eintraten, hielten Martin McAllister (links) und Richard O’Rawe den Kampf gegen die britische Herrschaft in Nordirland für legitim. Bombenterror und Morde an Zivilisten aber hätten sie abgelehnt. Heute, fürchten die beiden 65-Jährigen, könnte ihrer Heimat eine neue Phase der Gewalt bevorstehen. © Matthias Ferdinand Döring für DIE ZEIT

Die andere Wunde, am linken Auge, ist erst wenige Jahre alt. Die, sagt McAllister, sei der Preis dafür, dass er die heutige IRA immer wieder eine Gangsterorganisation genannt habe. "Vor ein paar Jahren lauerten sie mir auf meinem Grundstück auf. Sie haben mir beide Augenhöhlen gebrochen und die Nase. Ich habe eine Titanplatte in der linken Augenhöhle, und in der linken Gesichtshälfte habe ich kein Gefühl."

Er werde trotzdem seinen Mund nicht halten, sagt McAllister. Die IRA verkaufe ihren gewaschenen Diesel bis nach Belfast und hinunter an die Südküste der Republik. "Je härter die neue Grenze wird, desto besser für sie." Denn dann stiegen die Profite. Tatsächlich trägt ein Firmenschild an einem der Ölhöfe die Aufschrift "Brexit Fuels Ltd.". Als unser Fotograf ein Bild von einem anderen Schild in der Nähe macht, wird er von einem Mann, der aus der Zufahrtsstraße kommt, aggressiv zur Rede gestellt. Der britische Zoll schätzt, dass in Nordirland durch "Treibstoffwäsche" jährlich 40 Millionen Pfund Steuern hinterzogen werden.

Aber wenn die alte IRA vom Brexit profitieren würde, wer steckt dann hinter der Gruppe, die sich "Neue IRA" nennt? Die nordirische Polizei vermutet diese Dissidentengruppe hinter der Autobombe, die am 19. Januar im Zentrum von Derry explodierte und wahrscheinlich nur durch Glück niemanden verletzte. Derry, oder Londonderry, liegt am anderen, am nordwestlichen Ende der Grenze. Es ist die Stadt, in der die Erinnerung an die Ursprünge der "Troubles", also jenes Bürgerkriegs, der über 3000 Menschen das Leben kostete, am stärksten am Leben gehalten wird. Ende der 1960er-Jahre formierte sich hier eine Bürgerrechtsbewegung, die ein Ende der vielfältigen Diskriminierung von Katholiken forderte. Im Januar 1972 erschossen britische Fallschirmjäger 13 Teilnehmer eines Protestmarsches; das Trauma dieses "Bloody Sunday" prägt die Stadt bis heute. Das Fanal, verewigt in Wandgemälden und Gedenkstätten, steht für den Urgrund des Widerstands der irischen Republikaner. Er lautet, dass die Briten die Iren nie als gleichwertige Bürger betrachtet und ihnen demokratische Teilhabe versagt hätten.

Und?, fragt Richard O’Rawe. Zeigt sich dies beim Brexit nicht gerade schon wieder?

O’Rawe trat ebenfalls in den 1970er-Jahren der IRA bei. Ende der Siebzigerjahre gehörte er im Gefängnis von Long Kesh zu den sogenannten blanketmen, einer Gruppe von IRA-Gefangenen, die sich den Status als politische Häftlinge erstreiten wollten und sich deshalb in Decken wickelten, statt Gefängniskleidung zu tragen. Wie McAllister wurde auch O’Rawe später zu einem Kritiker der Organisation. Er vergleicht sie mit einer Sekte. Aber er kennt auch ihre ideelle Anziehungskraft.

"Die Briten sehen gerade nur eine schwache Kampagne der Dissidenten und glauben, das müsse sie nicht weiter besorgen. Sie sind kurzsichtige Narren." Eine harte Grenze auf der Insel würde als "Zementierung der Ungerechtigkeit" betrachtet werden, die den Iren widerfahren sei, glaubt O’Rawe. Von der ersten gesamtirischen Wahl 1918 über die Niederschlagung der Emanzipationsbewegung der 1968er bis zur nordirischen Mehrheit gegen den Brexit 2016 – stets seien die Iren auf ihrer eigenen Insel von den Briten ignoriert worden. Das Friedensabkommen von 1998 eröffnete die Möglichkeit, eines Tages in einem gesamtirischen Referendum über eine irische Wiedervereinigung abzustimmen. Mit einer Außengrenze zwischen den beiden Teilen der Insel würde dieses Anerkenntnis zur Makulatur, warnt O’Rawe. "Schon wieder wird eine Politik gegen den Willen der Iren durchgesetzt, im reinen Eigeninteresse Londons. Das wird das Argument für die Dissidenten werden, junge Leute zu rekrutieren."

O’Rawe war 1981 der Sprecher der Hungerstreikenden von Long Kesh. Zehn Häftlinge starben damals, weil Margaret Thatcher ihren Forderungen nicht nachkam. Der intellektuelle Kopf dieser Gruppe, Bobby Sands, wurde zu einer Identifikationsfigur für viele IRA-Anhänger. O’Rawes Lehre aus dieser Zeit lautet: "Es braucht nur zwei, drei clevere Leute, die andere animieren." Damals, jedenfalls am Anfang, sei die Sache gerecht gewesen. Heute hingegen sei sie nur gefährlich. Sie ziehe Wirrköpfe an. Die nordirische Polizei hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 145 Personen festgenommen, die zur militanten Republikanerszene gehören sollen, sowie 41 Waffen, 3200 Schuss Munition und 1,3 Kilogramm Sprengstoff beschlagnahmt.

O’Rawe steht am Free Derry Corner, einer bemalten Giebelwand, sie markiert die Einfahrt in das katholische Bogside-Viertel von Derry. An einem Laternenpfahl neben dem Wahrzeichen hängt neuerdings ein gelb-grünes Holzschild. Es trägt das Signet der islamistischen Hisbollah. "Was für ein Mist ist das?!", entfährt es ihm. O’Rawe schüttelt den Kopf. Der Brexit sei leider eine gute Zeit für Revolutionäre, sagt er. "Er bringt das Chaos, aus dem sie ihre neue Ordnung entstehen lassen wollen." Wenn er allerdings zurückblickt auf das, was seine Generation mit ihrem Kampf erreicht habe, glaubt er, sei das alles eine Verschwendung von Menschenleben und Zeit gewesen. Aber leider sei eins heute wohl auf beiden Seiten genau wie damals: Wenn die Logik verschwinde, übernähmen die Emotionen.