1. Augentäuschung

Das flimmert, vibriert, irritiert. "Ich sehe was, was du nicht siehst" heißt das Spiel von Victor Vasarely, dem Meister des Augentrugs, der sich gern als Erfinder der Op-Art (= optical art) feiern ließ. Er hat physikalische Phänomene wie Nachbilder, Moiré-Effekte, Kippbilder, Schwarz-Weiß- und andere optische Täuschungen als eigenwillige Gemälde und – weniger geglückt – als dreidimensionale Objekte ästhetisiert.

2. Auftritt

Die Op-Art betrat 1965 im New Yorker Museum of Modern Art mit der von William C. Seitz organisierten Ausstellung The Responsive Eye die Bühne der Kunstwelt. Die New York Post schrieb abfällig von einem "Zirkus fürs Auge". Yaacov Agam, einer der Künstler, verkündete aber selbstbewusst: "Wir haben dem alten, statischen, abstrakten Bild den Garaus gemacht."

Vasarely hatte bereits 1955 den Begriff eines "Cinétisme Optique" geprägt: für Gemälde, die Raumillusionen und den Anschein von Bewegungen der Linien und Farbflächen erwecken. Bewusst sollte bei diesen Werken keine persönliche Handschrift zu erkennen sein. Deshalb ließ der Meister – inzwischen arriviert – seine Bilder von Assistenten ausführen, nachdem er sie am Schreibtisch konzipiert und berechnet hatte.

3. Geschäft

Die Op-Art erwies sich schnell als publikumswirksam. Sie eroberte die Werbung. Das Wollsiegel-Logo von 1964 oder die Variante des Markenzeichens von Renault von 1972, beide von Vasarely entworfen, sind Beispiele dafür. Eine Flut von Merchandising-Artikeln, vom Poster bis zur Tasse, wurden in den Museumsshops verkauft. Deshalb bekam die Op-Art, zunehmend als "kommerziell" oder als Gimmick abgetan, Gegenwind.

4. Kritik

Der Pole Henryk Berlewi sah sich ebenfalls als Erfinder der Op-Art und beschuldigte Vasarely, ihn mit einer "Konspiration des Verschweigens" von Ausstellungen ferngehalten zu haben. 1967 schlug er sich auf die Seite der Op-Art-Gegner: Er mokierte sich über den "Hexentanz und die Marktschreierei der heutigen Op-Art in all ihren Spielarten und Erscheinungsformen". Er blieb nicht allein. Werner Hofmann etwa, erst in Wien, dann in Hamburg Museumsdirektor, sprach von "Fakten ohne Kunst". Op-Art verschwand aus dem Ausstellungsbetrieb.

5. Comeback

Inzwischen hat sich das geändert. Die Op-Art findet wieder Aufmerksamkeit. 2007 war sie in der Frankfurter Schirn zu sehen, 2016 im Louisiana Museum bei Kopenhagen. Vasarely reüssierte in diesem Jahr im Städel in Frankfurt und im Madrider Thyssen-Bornemisza-Museum. Die Kunstkäufer lassen sich durch die Kritik an der Popularität der Op-Art nicht weiter irritieren. Sie zahlen heute Millionen für Werke von Bridget Riley und sechsstellige Beträge für Arbeiten von Jesús Rafael Soto, Vasarely oder Agam.