Quelle: CHE, DeZIM, Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem MDR © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Es gibt eine Sache, die der Westen nach Meinung vieler Ostdeutscher bislang so gut wie gar nicht mit ihnen teilt: die Macht. Dabei sieht es auf den ersten Blick ganz anders aus. Es gibt eine ostdeutsche Bundeskanzlerin, und es gab einen ostdeutschen Bundespräsidenten, außerdem sind von den fünf Ministerpräsidenten des Ostens vier in der DDR geboren. Abgesehen von dieser hochsymbolischen und politischen Ebene sind Ostdeutsche in den Top-Jobs der Republik allerdings deutlich unterrepräsentiert. Weshalb immer wieder die Forderung nach einer Ost-Quote für Führungspositionen aufkommt – die Linksfraktion im Bundestag zum Beispiel verlangt gerade, als erste Partei überhaupt, eine in den Ministerien und Behörden des Bundes.

Eine Studie der Uni Leipzig in Zusammenarbeit mit dem MDR lieferte zu diesem Thema vor gut zwei Jahren recht eindrückliche Zahlen: Von den 100 größten ostdeutschen Unternehmen wurde da nur ein Viertel von ostdeutschen Chefs geleitet; von den 190 deutschen Dax-Vorständen stammten drei aus dem Osten. Zwei der etwa 200 Generale und Admirale der Bundeswehr waren Ostdeutsche, unter den 336 Richtern an den obersten Bundesgerichten waren drei aus dem Osten. Selbst von 585 Richtern in Ostdeutschland stammten nur 78 aus den neuen Ländern. Insgesamt waren von jenen Spitzenpositionen auf Bundesebene, mit denen die Leipziger Studie sich befasste, 1,7 Prozent an Ostdeutsche vergeben. Der Bevölkerungsanteil der Ostdeutschen würde den zehnfachen Wert rechtfertigen. Darauf, dass sich seit dieser Untersuchung an den Zahlen nur wenig geändert haben dürfte, weist eine aktuelle Veröffentlichung des Centrums für Hochschulentwicklung hin: Demnach gibt es keine einzige deutsche Universität mit ostdeutschem Rektor mehr.

All das bedeutet zweierlei: Erstens, der Osten regiert sich nicht selbst, sondern wird maßgeblich von Westdeutschen regiert.

Zweitens: Die Ostdeutschen regieren, entscheiden und gestalten im vereinten Land kaum mit. Beides zusammen, sagen Forscher wie der Görlitzer Soziologe Raj Kollmorgen, sei ein Grund für die Wut einiger ostdeutscher Wähler: Wer das Gefühl hat, nicht mitbestimmen zu dürfen, wird irgendwann unzufrieden.

Könnte eine Ost-Quote die Lösung dieses Problems sein? Die Antwort ist heikel.

Vor ein, zwei Jahren galt die Quote noch als eher abgedrehte Idee, kaum jemand wollte sie politisch einfordern. Aber das hat sich geändert, seit alle Welt Wahltriumphe der AfD fürchtet. Der Erste, der von "kulturellem Kolonialismus" sprach, den der Westen mit dem Osten veranstalte, war 2017 Thomas Krüger. Er ist, als Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, einer der wenigen ostdeutschen Leiter einer Bundesbehörde. Schon damals wurde sein Einwurf von Medien und Politik kontrovers diskutiert, so richtig beispringen wollte ihm aber niemand.

Spätestens mit der Initiative der Linksfraktion hat sich das geändert. Zudem zeigt eine neue Umfrage des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, dass sich die Hälfte der Ostdeutschen für eine solche Quote begeistern könnte. Das ist neu, denn früher war auch unter Ostdeutschen die Ablehnung einer Quote weit verbreitet: Will man wirklich als förderungsbedürftige Minderheit betrachtet werden? Möchte man der "Quoten-Ossi" sein?

Offenbar würden viele Ostdeutsche nun genau das in Kauf nehmen, eben weil alle anderen Versuche gescheitert sind, an ihrer Unterrepräsentanz etwas zu ändern. Das Problem wächst sich, anders als erwartet, nicht einfach aus.