Im Jahr 1999 erklärte eine vom Vatikan eingesetzte Historikerkommission aus je drei katholischen und jüdischen Historikern: "Wir hoffen, dass unsere Anstrengungen der Wahrheit, dem historischen Verstehen und den besseren Beziehungen zwischen den jüdischen und katholischen Gemeinschaften dienen werden." Die Kommission sollte Klarheit in das umstrittene Thema "Der Vatikan und der Holocaust" bringen.

Die Erwartungen waren hoch, die Fragen von zentraler Bedeutung. Wie verhielt sich der damalige Papst Pius XII. im Angesicht von Schoa und Vernichtungskrieg? War er wirklich "Hitler’s Pope", wie Daniel Goldhagen behauptet hat, oder doch der "größte jemals lebende Wohltäter des jüdischen Volkes", wie Pinchas Lapide, jüdischer Religionsforscher, formulierte? Hätte er als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden nicht seine Stimme gegen die Ermordung von sechs Millionen Juden erheben und öffentlich protestieren müssen? Oder war Schweigen in diesem Fall Gold? Steht einer Seligsprechung dieses Papstes also wirklich nichts im Weg?

"Letztlich ist Offenheit der wichtigste Grundsatz für ein reifes und ausgewogenes historisches Urteil", erklärte die Kommission damals. Doch es kam anders. Denn sie durfte im Vatikan lediglich die sogenannten "Actes et documents" auswerten, elf umfangreiche, bereits 1965 bis 1981 veröffentlichte Bände mit ausgewählten Dokumenten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die vollständigen Akten aus der Zeit des Faschismus waren noch nicht zugänglich.

Die Kommission legte damals einen vorläufigen Bericht vor, in dem sie nicht weniger als 47 offene Fragen formulierte. Um diese zu klären, hätte sie unbeschränkten Zugang zu allen Archivbeständen in Rom gebraucht. Doch der Vatikan hielt die Akten gnadenlos unter Verschluss. Sie müssten erst geordnet und katalogisiert werden, hieß es. Ein angesichts der schieren Menge der Dokumente nicht einfach von der Hand zu weisendes Argument. Der jüdische Mitkoordinator der Kommission, Seymour Reich, wies jedoch darauf hin, dass schon die Bearbeiter der "Actes et documents" mit den Originalakten gearbeitet hatten: "Warum kann man der Kommission und anderen respektierten Historikern nicht auch Zugang gewähren?", fragte er. Und tatsächlich: Wie soll man das Verhalten Pius’ XII. angesichts der Schoa adäquat erforschen, wenn einem die einschlägigen Quellen zu den Beständen der Pontifikate Pius’ XI. 1922 bis 1939 und Pius’ XII. 1939 bis 1958 vorenthalten werden?

Vor allem die jüdischen Kommissionsmitglieder waren enttäuscht und machten den Konflikt öffentlich. Der Jesuitenpater Peter Gumpel, im Vatikan zuständig für den Seligsprechungsprozess Pius’ XII., sprach im Gegenzug von einer verleumderischen Kampagne. Der Streit eskalierte, und die Kommission löste sich auf. Sie sei "gegen eine Backsteinmauer gerannt", erklärte das jüdische Mitglied Michael Marrus.

Historiker, katholische Bischöfe und hochrangige jüdische Persönlichkeiten haben seither den Vatikan immer wieder gebeten, die Akten zu Pius XII. zugänglich zu machen und das Seligsprechungsverfahren für den Pacelli-Papst so lange auszusetzen, bis diese ausgewertet sind. Jetzt wurde mit zwei Jahrzehnten Verzögerung die Archivöffnung angekündigt. Der Weg bis zu diesem Schritt war lang, vielleicht zu lang.

Johannes Paul II. und Benedikt XVI. machten 2003 und 2006 immerhin schon die Bestände des Pontifikats Pius’ XI. und damit die einschlägigen Quellen bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs zugänglich. Dadurch erfuhr man wirklich Neues zu den heftigen Auseinandersetzungen im Vatikan über die geplante Reform der Karfreitagsfürbitte für die Juden, die im Jahr 1928 scheiterte. Wir wissen jetzt mehr über die Indizierung von Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts und das Nichtverbot von Hitlers Mein Kampf durch die Kirche. Es zeigte sich auch, dass Pius XI. den verbrecherischen Charakter von Hitlers Regime in den letzten Jahren seines Pontifikats immer deutlicher erkannte und sich immer stärker für verfolgte Juden engagierte. Geistlich seien wir Katholiken alle Semiten, betonte er in einer Audienz. Wir wissen genau Bescheid über die zwölf Jahre, in denen Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII., von 1917 bis 1929 Nuntius in Deutschland war und die ihn entscheidend geprägt haben. Sein jesuitisches Beraternetzwerk und seine Personalpolitik werden immer plastischer. Auf seiner mehrmonatigen Amerikareise knüpfte er damals wichtige Verbindungen zum politischen Establishment in Washington, die für seine Zeit als Papst nicht ohne Bedeutung geblieben sein dürften.

Im März nächsten Jahres stehen nun endlich die Originalquellen zum Pontifikat Pius’ XII. zur Verfügung. Auf schnelle und einfache Antworten darf man freilich angesichts der Masse und Komplexität des Materials nicht hoffen. Es werden nicht weniger als 200.000 archivalische Einheiten (Schachteln, Boxen, Mappen) von jeweils bis zu 1000 Blatt Umfang zugänglich, und das in unterschiedlichen vatikanischen Archiven. Die bedeutendste Sammlung stellt sicher das Vatikanische Geheimarchiv dar. Es wäre aber ein Missverständnis, zu glauben, dass hier alle vatikanischen Quellen gesammelt sind. Eine ganze Reihe von Kongregationen und Behörden hat ihr Material tatsächlich hierhin abgegeben, andere – wie etwa die Glaubens- und Studienkongregation, die Propaganda Fidei und insbesondere die politische Abteilung des Staatssekretariats – unterhalten hingegen eigene Archive.