Grundlinien der Philosophie des Rechts von Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist so etwas wie ein Liebesgedicht. Zumindest für Malte Thran, der seit 2016 die Band Botschaft betreibt. Neben seiner Rolle als Gitarrist und Sänger ist Thran Professor für Sozial- und Kulturpolitik. Als solcher besetzt er einen Lehrstuhl in Merseburg, und wenn er die 200 Kilometer zwischen der ostdeutschen Hochschule und seiner Heimatstadt Berlin pendelt, liest er offenbar nicht nur Hegel, sondern hört auch Popmusik der geschniegelten Sorte: Prefab Sprout, The Smiths, The Go-Betweens.

Wie klingt das, wenn so ein Typ plötzlich Liebeslieder schreibt? Kurze Antwort: nach Jochen Distelmeyer kurz vor und nach Dirk von Lowtzow kurz nach der Jahrtausendwende. Etwas längere Antwort: nach zu engen Oberhemden und viel zu hoch umgeschnallten Instrumenten, nach Zahnrädchengitarren, die makellos ineinandergreifen. Thran hat eine Stimme zum Quellwolkenerweichen, doch seine Muttersprache ist Paragrafendeutsch für unglücklich Verliebte. "Der Zweifel ist mir einverleibt", heißt es gleich im ersten Stück auf Musik verändert nichts, dem gerade erschienenen ersten Album von Botschaft. Später reimt Thran "Emanzipation" auf "Reflexion" und "Kernfusion" und macht mit Hegel den Deckel drauf: "Das Kunststück des Betrugs heißt Heuchelei."

In Deutschland besteht Popmusik ja aus zwei Lagern: Da wären einerseits die sehr erfolgreichen Künstlerinnen und Künstler, die ihre Songs als Aufwandsentschädigung für ein vom Alltag geplagtes Publikum verstehen. Und andererseits wären da die weniger erfolgreichen, die mit ihren Songs an einer Umwälzung dieses Alltags arbeiten. Botschaft passen in keines der beiden Lager: Für Beschönigungen sind sie zu schlau, für Befreiungen zu schwach. Trostlosigkeit, Überforderung, tägliches Scheitern erscheinen in Thrans Texten als Symptome von Verhältnissen, an denen es nichts zu rütteln gibt. Wer als Popmusiker glaubt, wirklich etwas bewirken zu können, sei im falschen Beruf gelandet.

Die zehn Stücke fühlen sich an wie zehn Strophen desselben Songs – kein Versäumnis, sondern Ausdruck von Stilbewusstsein. Wer die Einflüsse nachvollziehen will, all den britischen, australischen und neuseeländischen Filigran- und Feingeist-Pop der letzten 40 Jahre, der braucht nur einen Spotify-Account und 30 Minuten Zeit. Wer ihren Songs, mit drei Gitarren zuvorkommend verziert, aber um Himmels willen niemals verzerrt, jedoch irgendwelche Ungereimtheiten anhängen will, wer nach Stilbrüchen und falsch nachempfundenen Details sucht, der wird sich ein paar Wochen freinehmen müssen.

Die Leistung der Band geht allerdings über besonders schöne Nachahmungen ihrer Lieblingsmusik hinaus. Das Irritierende an Botschaft ist die Klarheit, mit der sie eben ihre Botschaften formulieren. Existenzkrise zwischen den Kuchenessern im Berliner Stadtteil Alt-Treptow, haarkleine Kapitalismuskritik am Beispiel gespaltener Atome, Rekapitulationen einer gescheiterten BRD-Sozialisierung – Thran singt und trägt all das mit Fassung.

Jeder weitere Schritt Richtung Anklage oder Lösungsvorschlag wäre Teil dessen, was Malte Thran für typische Selbstüberschätzung vieler deutscher Künstler hält: das Gefühl, sich einmischen, den Leuten nahetreten und ihre Überzeugungen korrigieren zu müssen. Das Gefühl von Botschaft hingegen ist Ohnmacht. Diese Band weiß eben um die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen und hat sie in sehr schöne Popsongs umgemünzt. Bringt auch niemanden weiter, klingt aber echt super.

"Musik verändert nichts" von Botschaft ist erschienen bei Tapete.