Es gibt Nachrichten, die bedeuten selbst für lässige Anarchisten eine Überdosis an Unordentlichkeit. Kann das denn sein? Einsturz aller Herrschaftsverhältnisse? Der Roman eines deutschen Kleinkünstlers soll es aus den Kreuzberger Hinterhöfen in die Sphären des US-Regisseurs und genialen Serienschöpfers Mike Judge geschafft haben, der etwa Etan Cohens dystopische Comedy Idiocracy verfilmt hat? Ein witziges Buch aus Berlin, das es bisher nur auf Deutsch zu lesen gibt und das von einem Ex-Poetry-Slammer verfasst wurde, soll nun für den stilprägenden US-Serienpionier und Qualitätskanal HBO zu einer TV-Serie verarbeitet werden? Und von diesem Sender HBO, der beispielsweise Game of Thrones produziert hat, über einen Streamingdienst weltweit ausgestrahlt? Hm.

Das gab es noch nicht, das geht eigentlich nicht, viel zu weit ist der Weg aus der deutschen Kleinkünstlerprovinz in die große Medienwelt. Aber so ist es: Der Roman QualityLand des 36-jährigen Marc-Uwe Kling, jene schrille Dystopie, die von einer digital-totalitären Zukunft erzählt und in Deutschland seit dem Herbst 2017 ein Bestseller ist, soll tatsächlich in Serie gehen. Kling, ursprünglich durch seine Känguru-Trilogie bekannt für die Figur des systemkritischen Kängurus, das gern twittert, hat in diesem Fall selbst getwittert: "So. Jetzt darf ich’s endlich erzählen: Mike Judge (Beavis and Butthead, Silicon Valley, Idiocracy) macht aus QualityLand eine Serie für HBO. Crazy shit."

Wohl wahr. In der Tat eine sehr erstaunliche Entwicklung. Denn jetzt gerät die anarchistische Kleinkunst in die Hände des Mediengiganten Warner, dem auch der Sender HBO gehört und der mit ihm gern gegen Netflix und Amazon in den Wettbewerb zieht. David gegen Goliath war demgegenüber, vergleichsweise, ein Känguruschiss. Exakt diese Machtverhältnisse sind es, mit denen es in Klings QualityLand der nette Protagonist Peter aufnimmt. Exakt diese Machtverhältnisse sind es, gegen die Klings Känguru seine roten Boxhandschuhe anzulegen pflegt. Man muss sich Marc-Uwe Kling als einen Menschen vorstellen, der die New York Times abonniert, wenn Trump sie mit Schmähungen überzieht.

Eine Handvoll Leute, so ist zu hören, haben jedenfalls, da war Trump gewählt, den Roman QualityLand auf eigene Faust ins Englische übersetzt, dann sind sie losgetingelt, quer durch die USA, auf der Suche nach einem Verlag. Bis die Agentur William Morrison (WME) aufgemerkt hat. Gegründet 1898, die älteste diensthabende Talent-Agentur, sie hat auch schon mit Charlie Chaplin im Jahr 1910, außerdem mit Elvis Presley und auch der Monroe im Jahr 1955 Verträge geschlossen. Klings Buch wird nun gleich zweifach übersetzt: ins Englische für den britischen Verlag Orion, ins Amerikanische für Grand Central, beide Häuser gehören dem französischen Verlag Hachette, und im Frühjahr 2020 wird QualityLand also übersetzt als Buch erscheinen. Book first. Dann die Serie. Der ganze Rest ist noch unklar: wo gedreht wird, wie und wann, in welcher Besetzung. Nur dass Marc-Uwe Kling und Mike Judge sich schon mal gemeinsam ans Drehbuch gesetzt haben, steht fest. In den amerikanischen Nachrichtendiensten ist jetzt vorab zu lesen, dass QualityLand von allem handelt, was der Fall ist, und von noch etwas mehr. Mal sehen.