Bis sich Thomas Schmickl selbst abgeschafft hat, ist es noch ein weiter Weg. Aber er arbeitet daran. Der 49-jährige Forscher, der mit seinen grauen, kinnlangen Haaren aussieht wie ein Garagen-Tüftler auf alten Silicon-Valley-Fotos, steht neben einem künstlichen Baum im zweiten Stock eines Grazer Uni-Gebäudes. "Eine Pflanze als Pflanze zu erkennen ist für Roboter extrem schwierig", sagt Schmickl. Ein Satz, der seltsam wirkt. Hier aber, zwischen synthetischen Pflanzen und einer Armee an Robotern, die wie Karpfen ausschauen, sind solche Aussagen völlig normal.

Schmickl ist studierter Zoologe, Software-Entwickler und Herr der Roboterschwärme. Er hat das Artificial Life Laboratory der Uni Graz aufgebaut, eine Einrichtung an der Schnittstelle zwischen Biologie und Computertechnik. Unter seiner Anleitung forschen Mitarbeiter an Bio-Hybriden aus Pflanzen und Maschinen oder schicken Schwärme kleiner Robotersonden in die Bucht von Venedig. Dort sammeln die Maschinen Daten zur Wasserqualität und sollen dabei ihre Kommunikation selbstständig verbessern. "Das ist quasi schon Wissenschaft ohne Wissenschaftler", sagt Thomas Schmickl.

Abstrakt könnte man sagen: In Graz erforscht man kollektive Entscheidungsfindungen, die der Einzelne unter Umständen gar nicht mitbekommt. Konkret bedeutet das: Schmickl und seine Kollegen entwickeln an die Natur angelehnte Algorithmen, mit denen sich Robotereinheiten untereinander organisieren können.

Es klingt wie die Idee aus einem dystopischen Science-Fiction-Roman. Der Mann, der daran arbeitet, wurde 1969 in Graz geboren. Schmickls Eltern führten ein Fotogeschäft, das sie vom Großvater übernommen hatten. Der Sohn interessierte sich früh für Informatik. Schmickl erzählt etwa, wie er als Zwölfjähriger am Küchentisch mit der Füllfeder Star Trek-Spiele programmierte und sie in einem Einkaufszentrum auf dem Commodore 64 ausprobierte, weil er noch keinen eigenen Rechner hatte.

Schmickl behielt die Faszination für Computer, schrieb sich an der Uni aber letztlich für Philosophie und Biologie ein. Es folgten ein paar Jahre der Sinnsuche, er brach das Studium ab und arbeitete in der Software-Industrie. Dort wurde es ihm schnell zu eng: "In der Firma sind Sätze gefallen wie: 'Super Idee für die Version 17, aber wir arbeiten an der Version 1.' Das war mir zu uninspiriert." Also nahm er sein Biologie-Studium wieder auf.

In einem Seminar sah Schmickl das erste Mal einen Bienenstock von innen. Es war sein Aha-Moment. In der Art, wie sich Bienen organisieren, sah er eine Software, wie er sie programmieren wollte. Der Professor schickte ihn auf eine Bienenkonferenz in Bremen. Als Schmickl, mittlerweile schon Ende zwanzig, auf dem Rückweg im Flieger saß, dachte er sich: "Wenn das Wissenschaft ist, dann ist es das, was ich machen will."

Für seine Doktorarbeit entwickelte er mathematische Modelle, die sich mit den Folgen von Brutkannibalismus unter Bienen beschäftigen. Er stellte sie ins Netz und wurde von einer anderen Universität angeschrieben: Die Forscher dort würden sich mit Roboterschwärmen beschäftigen, ob Schmickl dafür Algorithmen programmieren könne.

Um 2006 fanden Schmickl und ein Kollege den "Beeclust-Algorithmus". Der Algorithmus zeigt den Forschern gleich zwei Dinge: wie gut der Roboterschwarm funktioniert. Und wie leicht er sich austricksen lässt.

Durch Zufall entdeckte Schmickls Team in einem Experiment, bei dem Bienen einen Punkt mit der perfekten Temperatur suchen sollen, dass die individuelle Biene dies unter schwierigen Bedingungen nicht schafft, der Schwarm aber schon. Das Prinzip dahinter ist einfach: Trifft eine Biene beim Herumwandern auf eine Artgenossin, bleibt sie stehen; je wärmer es an dem Ort ist, desto länger. Bei einer entsprechenden Anzahl von Bienen reicht das mathematisch aus, damit der Bienen-Cluster am perfekt temperierten Ort mit der Zeit alle anderen anzieht.