DIE ZEIT: Herr Pitman, Sie sind gerade von einer Reise in den Gewässern um Kap Hoorn zurückgekommen, wo Ihnen etwas gelungen ist, das noch niemand vor Ihnen geschafft hat: Sie haben mysteriöse Schwertwale gefilmt. Diese Art war lange nur eine Legende.

Robert Pitman: Ja, wir haben zwar 2010 einen Artikel veröffentlicht, in dem wir diese Wale beschreiben. Aber damals hatten wir nicht mehr als sechs Fotos, gemacht von Touristen und Fischern.

ZEIT: Was macht diese Orcas denn so besonders?

Pitman: 1955 sind diese Wale zum ersten Mal aufgefallen, damals gab es eine Massenstrandung in Neuseeland. Die Fotos davon zeigen sehr auffällige Tiere. Sie sind ganz anders gezeichnet, auch ihr Kopf hat eine völlig außergewöhnliche Form.

ZEIT: Ihre Entdeckung ist also gar nicht so neu?

Pitman: Damals hat keiner verstanden, womit man es zu tun hatte. Es gab auch keine systematischen Untersuchungen, nur diese Fotos, die hier und da in Fachbüchern aufgetaucht sind. Niemand hatte solche Tiere jemals gesehen, und auch jahrzehntelang danach nicht. Wir Orca-Forscher hatten unsere eigenen Theorien. Orcas leben in Gruppen, in denen alle mit dem dominanten Weibchen verwandt sind ...

ZEIT: Orcas leben im Matriarchat?

Pitman: Ja, genau. Wir dachten also, vielleicht hatte das Muttertier einen genetischen Defekt, den es weitergegeben hat. Oder diese Form war extrem selten. Oder sie ist ausgestorben. Aber genau 50 Jahre nach dem Stranden in Neuseeland war ich auf einem Meeting in Seattle, und da zog mich ein französischer Kollege beiseite. Er zeigte mir diese Fotos, die Fischer gemacht hatten. Darauf waren Orcas zu sehen, die Fisch von den Langleinen fraßen. Ich war geschockt. Ich sagte: "Das sind sie. Das sind die Schwertwale aus Neuseeland!" Sie sind nicht nur am Leben, die kommen offenbar in einem großen Teil des Planeten vor. Für solche Momente lebt man als Biologe. Es war, als hätte ich einen Dinosaurier gesehen! Jedes Mal, wenn Orca-Forscher beim Bier zusammensitzen, kommt irgendwann die Rede auf die Neuseeland-Orcas – und plötzlich wusste ich, wo wir sie suchen mussten.

ZEIT: Das war vor 14 Jahren. Warum hat es bis heute gedauert, sie zu finden?

Pitman: Jedes Mal, wenn ich seit jenem Tag in der Antarktis war, habe ich Ausschau gehalten. Vergeblich. Die meisten Sichtungen, über die Fischer oder Touristen berichteten, wurden aus dem offenen Meer zwischen dem 40. und 50. Breitengrad gemeldet, südlich von Kap Hoorn. Hier herrscht das schlechteste Wetter auf dem Planeten, und Land ist weit entfernt.

ZEIT: Wie sucht man in solch einer Umgebung einen seltenen Wal, über dessen Lebensweise kaum etwas bekannt ist?

Pitman: Wir haben überschlagen, dass wir ein Forschungsschiff für rund drei Wochen brauchen würden, um zwei Tage gutes Wetter zu erwischen.

ZEIT: Und?

Pitman: Na ja, wir hatten einen guten Tag und haben nichts gesehen. Und wir hatten einen Morgen, an dem der Sturm ein bisschen abgeflaut ist. Das war gegen Ende der Expedition. Ich arbeite zwar seit 25 Jahren in der Antarktis, aber ich wurde trotzdem langsam nervös.