Eine derart massive Attacke ist in der Unternehmenswelt ungewöhnlich. Das schwedische Unternehmen Spotify, über das weltweit Millionen Menschen ihre Musik streamen, hat vergangene Woche bei der EU-Kommission eine Beschwerde gegen Apple eingereicht. Darin wirft es dem Konzern aus dem Silicon Valley vor, seine Macht zu missbrauchen. Dabei aber blieb es nicht. Auf einer eigens für diesen Zweck gebauten Website teilt Spotify kräftig aus. Fünf "Fakten" über Apple sind dort aufgelistet, die den Konzern in keinem guten Licht dastehen lassen. Auch durch eine Timeline kann man sich klicken. Sie soll zeigen, dass Apple sich schon "unzählige Male" unfair verhalten habe, gewissermaßen ein Wiederholungstäter sei.

Die Beschwerde bei der EU wird also von einer PR-Kampagne begleitet. Auch das Timing ist geschickt. Gerade werden in Europa diejenigen immer lauter, die die marktbeherrschende Stellung der großen, meist amerikanischen Technologiekonzerne brechen wollen. Zu ihnen gehört auch EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, die sich als letztes Mittel sogar eine Zerschlagung der Konzerne vorstellen kann. Nach der Beschwerde von Spotify kündigte sie umgehend an, diese "sehr ernst" zu nehmen.

Apple verdient mit am Spotify-Abo

Der Vorwurf, den Spotify Apple macht, hat mit den Gebühren im App Store zu tun. Wenn man dort eine kostenpflichtige App kauft, verdient Apple sowieso mit. Es gibt aber auch Apps, die sind erst mal umsonst. So auch Spotify. Wenn der Nutzer die Musik aber ohne Werbung hören möchte, muss er ein kostenpflichtiges Abonnement abschließen. Und auch dann, das ist aus Sicht von Spotify das Problem, will Apple oft mitverdienen. Der Konzern kassiert im ersten Jahr 30 Prozent des Abo-Preises, ab dem zweiten Jahr sind es 15 Prozent. Das ist zwar happig, allerdings schon seit Gründung des App Store im Jahr 2008 so.

Geändert hat sich aber die Rolle von Apple selbst. Schon seit einigen Jahren will der Konzern nicht mehr nur auf den Verkauf seiner iPhones und MacBooks angewiesen sein. Stattdessen soll das Geschäft mit eigenen Dienstleistungen ausgebaut werden. Und so macht Apple seit 2015 auch Spotify mit einem eigenen Musikdienst, Apple Music, Konkurrenz. Und genau hier setzt die Kritik an: Apple, so sieht Spotify das, nutze seine Stellung als Betreiber des App Store aus, um die Produkte der Konkurrenz zu benachteiligen. So habe die Gebühr von 30 Prozent dazu geführt, dass man den eigenen Abo-Preis von 9,99 auf 12,99 Euro erhöhen musste. Und das zu einem Zeitpunkt, als Apple Music gerade selbst an den Start gegangen sei – zu einem Preis von 9,99 Euro.

Mit seiner Kritik ist Spotify nicht allein. Auch Netflix empfindet die Gebührenpolitik von Apple als Zumutung. Beide Konzerne haben sich mittlerweile zu einem radikalen Schritt entschlossen: Nutzerinnen und Nutzer können Abonnements nicht mehr über eine aus dem App Store geladene App abschließen, sondern müssen das zum Beispiel über die Website von Spotify machen. So umgehen die Konzerne zwar die Gebühren an Apple. Für die Nutzer aber ist es dadurch komplizierter geworden, ein Abonnement abzuschließen.

Inzwischen hat Apple auf den Angriff von Spotify reagiert – mit einem Gegenangriff. Spotify, schreibt Apple, habe den App Store genutzt, um sein "Geschäft dramatisch auszubauen". Ziel des schwedischen Unternehmens sei es, "mehr Geld mit der Arbeit anderer zu verdienen". So würde es versuchen, den App Store und auch die Musiker "auszuquetschen". Weil Apple Music im Gegensatz zu Spotify keine werbefinanzierte Gratisversion anbietet, sieht man sich bei Apple als wahrer Freund und Beschützer der Künstler.

Der Streit erinnert an ein Wortgefecht zwischen Rappern: Ich bin der Beste, du bist das Letzte. Und weil keiner klein beigeben will, legte auch Spotify noch einmal nach. Apple sei ein "Monopolist". Und Monopolisten würden eben grundsätzlich behaupten, nichts Falsches getan zu haben, sagte ein Sprecher gegenüber dem Branchenmagazin Variety.

Das alles hat Unterhaltungswert. Im Kern aber geht es um eine wichtige Grundsatzfrage: Kann es gut gehen, wenn ein Konzern (Apple) eine Plattform betreibt (App Store), auf dieser Plattform aber auch noch selbst als Anbieter von eigenen Diensten (Apple Music) auftritt? Aus wirtschaftstheoretischer Perspektive ist das sicher kein Idealzustand. In der Praxis aber scheint es Spotify bislang nur bedingt zu schaden. Derzeit haben die Schweden 96 Millionen zahlende Kunden. Apple Music holt auf, kommt aber nur auf 50 Millionen Nutzer. Und dass Spotify nun überhaupt einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hat, ist ja durchaus im Sinne des Wettbewerbs.

Natürlich ist es richtig, dass die EU-Kommission die Beschwerde von Spotify ernst nimmt und prüft, ob Apple seine Marktstellung missbraucht. Auch Spotify aber ist kein heldenhafter Kämpfer, der im Interesse aller Nutzer handelt, sondern ein Konzern mit kommerziellen Zielen. Die EU sollte daher nicht den Eindruck erwecken, sich schon jetzt, bevor sie die Beschwerde ausgiebig prüfen konnte, auf die Seite der Schweden zu schlagen.

Das gilt vor allem für Wettbewerbskommissarin Vestager. Am 14. März, nachdem Spotify-Chef Daniel Ek seine Beschwerde gegen Apple bei einem Auftritt in Berlin begründet hatte, bezeichnete Vestager seine Forderungen auf Twitter als "starke Botschaft". In einem laufenden Verfahren ist das unangemessen. Wer als EU-Kommissarin seine Sympathien so eindeutig zum Ausdruck bringt, dem nimmt man eine unvoreingenommene Untersuchung des Falls kaum noch ab. Es kann so leicht der Eindruck entstehen, die EU wolle eines seiner ganz wenigen Digitalunternehmen mit globaler Bedeutung vor Konkurrenz aus den USA schützen. Das aber ist nicht die Aufgabe des Wettbewerbsrechts.