Der Dorfplatz liegt leer und still in der Wintersonne, als der Linienbus mich ausspuckt, und leer ist auch, gleich nebendran, die Rezeption des Hotels Zum Hirschen. So steige ich in den ersten Stock hinauf und stehe vor einer unerwarteten Erscheinung: ein weißhaariger Mann ganz in Schwarz, bis auf den weinroten Schal und die Baskenmütze, im Gesicht das offenste Lächeln. "Wie kann ich helfen? Ich bin der Harlekin hier und Mädchen für alles." Minuten später hat er schon ein Gedicht über das Nonstal für mich deklamiert, mir Interessantes über die Gegend erzählt und sich natürlich vorgestellt: Giorgio Mocatti, Ehemann der Seniorchefin des Hirschen, Edith Kofler. Kann man sich einen besseren Empfang wünschen?

Das Nonstal ist ein weites Hochtal zwischen Südtirol und dem Trentino. Es liegt auf der Trentiner Seite der Berge, aber weil die vier Dörfer des Tals von der deutschen Sprache und Kultur geprägt sind, gehört es zu Südtirol. Im Mittelalter wurde hier unter Umständen, die verschiedene Legenden unterschiedlich darstellen, im Wald ein Marienbildnis gefunden. Seither kamen Pilger, und bald entstand der Wallfahrtsort Unsere Liebe Frau im Walde.

Die Wallfahrtskirche steht wie das Hotel am Dorfplatz, von meinem Zimmer aus blicke ich genau auf den Turm. Dahinter ragt der Hausberg Laugen auf. Morgens leuchtet seine Spitze flammend rot in der ersten Sonne, und ich höre die Kirchenglocken läuten. Die Nähe hat einen Grund: Das Zum Hirschen entstand einst als klösterliche Pilgerunterkunft. Im 20. Jahrhundert wurde irgendwann ein normaler, rustikaler Gasthof daraus, später kam ein Anbau dazu; das alte Gebäude aber blieb im Kern das gleiche. Und als vor ein paar Jahren renoviert werden musste, erinnerte sich die Familie an die Wurzeln. So war der jüngste Umbau wie eine Läuterung: Schwere Balkone, Vordächer – der ganze Ballast wurde abgeworfen. Einfach und klar wie eine Pilgerunterkunft sollte das Hotel wieder werden.

Mein Zimmer ist einer Pilgerzelle nachempfunden. Karg kann man es aber nicht nennen – nicht mit diesem warmen Lärchenboden, den schönen Leinen- und Lodenstoffen. Doch es kommt mit dem Wesentlichen aus: Bett, Tisch, Stuhl. Kein Fernseher. Wenige, natürliche Materialien und, wie im übrigen Haus, wenig Farbe: ein paar Kissentupfer in Tiefblau und Senfgelb.

Ganz in Weiß ist die Veranda gehalten, auf der ich mittags cremigen Risotto mit Wirsing und Kartoffeln esse. Am Nebentisch werden im lokalen Dialekt Büroprobleme erörtert. Dass der Hirsch nicht nur geografisch mitten im Dorf steht, wird an vielen Kleinigkeiten deutlich, und ich erfreue mich daran wie am Risotto. Einmal trinke ich Tee aus Kräutern, die eine Frau aus dem Ort gesammelt hat, während ein paar Arbeiter gerade ihren Aperitif nehmen. Sie verlegen Glasfaser. Glasfaser! Edith zeigt mir den ersten Prospekt, den ihr Vater drucken ließ: Er wirbt mit dem "öffentlichen Telefon". Die kleine Edith war es, die die Nachrichten bis auf die entferntesten Höfe brachte, "erinnerst du dich, Roland?" – ein Mann ist hereingekommen, ein Kindheitsfreund. "Ich mach dir gleich einen Kaffee", sagt sie, und wieder fällt es mir auf, dieses Verdienst: dass der Gasthof trotz der jüngsten Verwandlung doch auch geblieben ist, was er war – ein warmes, pochendes Dorfherz.

Die Welt, wie sie sein soll

Die Küche arbeitet mit dem Kräuterwissen Hildegard von Bingens. © Armin Terzer

Am anderen Tag will ich ins Trentino hinüber. Ediths Sohn Mirko erklärt mir eine Wanderung bis ins erste Dorf hinter der Grenze, Tret. Giorgio wird mich zum Ausgangspunkt bringen. Er macht oft Fahrten für Gäste, überhaupt scheint er wie ein guter Geist immer im rechten Moment zu erscheinen, und dann verteilt er großzügig Gaben: Gedichte und Geschichten, Musik. Zu Volksliedern aus dem 15. Jahrhundert fahren wir in den glänzenden Morgen hinein, der Laugen trägt Schneereste wie einen löchrigen Umhang, neben der Straße weiden Schafe. Die sanften Hänge sind von Gehöften gesprenkelt. Keine Pisten, keine Lifte, keine Parkplätze. Die Welt ist, wie sie sein soll. Ich steige durch den Wald hinauf, hie und da lichten sich die Lärchen, geben den Blick frei auf die spektakulären Brentadolomiten. Zur Rast esse ich Brote, die Edith mir mitgegeben hat – grobkörniges, würziges Roggenbrot, das sie auf dem Roatnocker Hof jeden Freitag backen.

Später besuche ich den Hof mit Mirko, wir kommen gerade rechtzeitig. In der rußgeschwärzten Backstube arbeitet der junge Bauer, Theodor, mit Vater und Mutter Hand in Hand. Theodor hat den Biohof ganz auf Direktvermarktung umgestellt, macht Käse von Kuh und Schaf, baut acht Getreidesorten an, die er selber mahlt. Mirko bezieht vieles von Bauern im Tal. Er hat eine Vorstellung von seinem Hotel, die er im Hirschgeweih versinnbildlicht sieht: Seine Verbindungen und Verästelungen sollen sich durch das ganze Gebiet ziehen. Am Abend esse ich Polenta, gekocht aus Theodors Maismehl, dazu Käse und Winter-Radicchio. Eine Entdeckung: Da habe ich also jahrelang Polenta gegessen, ohne zu ahnen, wie gut sie schmecken kann.

Danach gehe ich in die klirrend kalte Nacht hinaus. Von außen sieht das alte Gebäude jetzt wieder dem Pilgerhospiz ähnlich, das auf einem Gemälde in der Kirche dargestellt ist, und der Anbau nimmt sich so weit zurück, wie es eben geht, ohne ganz zu verschwinden. Es ist so still auf dem Platz, dass man aus der Wohnung über dem Laden Geschirrklappern hört. Die Sterne glitzern. Wenn ich das nächste Mal in den Hirschen komme, werde ich eines der Dachzimmer nehmen, in denen man vom Bett aus direkt in den Himmel sieht.