Als am Dienstagabend Deutschlands ranghöchster Fernsehunterhalter mal wieder aus dem Ruhestand zurückkehrte, da konnte er sich der vollen Aufmerksamkeit der Bundesrepublik gewiss sein, musste die doch kurz zuvor erfahren, dass Thomas Gottschalk und seine Frau Thea sich nach 42 Jahren getrennt haben. Darüber fällt aber kein Wort in Gottschalk liest?. So heißt das neue Format, das der Showmaster nun viermal im Jahr im Bayerischen Rundfunk moderieren wird, wo er die Literatur zu den Menschen da draußen bringen soll und den Mindstate Malibu ins Parktheater vom Kurhaus Göggingen in Augsburg.

"Hab ich das so verstanden, wie du es gemeint hast? Oder was steckt noch in dem Buch, was ich vielleicht nicht entdeckt habe? Ich glaube, jeder, der ein Buch liest und mag, wünscht sich hinterher eine Begegnung mit dem Autor", erklärt Gottschalk seine Talk-Poetik, und bevor man da widersprechen kann, hat er uns schon so lässig ins Literaturgespräch reingequatscht, als wäre endlich mal wieder Samstagabend. Eingeladen hat Gottschalk die ehemalige TV-Moderatorin Sarah Kuttner, den ehemaligen Anwalt Ferdinand von Schirach und die ehemalige Altphilologie-Studentin Vea Kaiser, sie alle erzählen etwas über ihre neuen Romane in die Bügelmikrofone. Außerdem zu Gast ein Fotograf, denn Bücher lese er zwar gern, so Gottschalk, vor allem die der Gäste, nur mehr als drei habe er nicht geschafft, "deswegen kommt jetzt einer mit ’nem Bildband".

Gottschalk liest? ist also wie Lanz, nur ohne Weltreisende und Robin Alexander. Kann das funktionieren? Ganz unironisch: Ja klar. "Du hast", sagt Gottschalk zu Kuttner, "völlig zu Recht erkannt, dass Diätmilch den Kaffee grau macht. Als ich das gelesen habe, habe ich gedacht: Dann kennt sie sich auch im Rest der Welt aus." So geht Literatur-Talk. Einziger schwacher Gast an diesem Abend ist leider Ferdinand von Schirach, von dem wir inzwischen alle wissen, dass er Kaffee mag und Zigaretten und außerdem sehr intellektuell ist; bitte nicht mehr.

Im Laufe der rund 40 Minuten kommt es auch zu Kritik, als der Moderator über eine einschneidende Stelle in Vea Kaisers Roman sinniert: "Ab da hat mich die Geschichte auch richtig fasziniert, ich wünschte, der Onkel Willi wäre eher gestorben." Und als wär das immer noch nicht genug, hören wir in dieser Literatursendung schließlich auch einen echten Literaten. Kaiser und Gottschalk zitieren zusammen aus Ovids Metamorphosen, Buch 1, Vers 89 bis 93, und zwar auswendig.

Noch besser gepasst hätten da nur die allerletzten Verse der Metamorphosen, in denen sich Ovid so selbstgewiss zeigt: In jedem Winkel der Erde werde ihn "lesen das Volk, und wofern nicht trugen der Dichter / Ahnungen, werd’ ich stets fortleben in ferneste Zukunft". Die Ahnungen trogen ihn nicht, auch 2019 lebt er fort, sogar im Fernsehen neben Thommy: Zwei Nasen tanken Super! Wie ließe sich schöner die "Aussöhnung von Literatur und Unterhaltung" (Gottschalk) beschwören, auf die wir alle hoffen?