Es fällt uns Menschen prinzipiell nicht leicht, uns in das Empfinden von Tieren hineinzuversetzen. Und je weiter ein Tier im Stammbaum der Natur von uns entfernt ist, umso schwieriger ist das. Hunde, Katzen und andere Säugetiere machen uns mit Lauten klar, dass ihnen etwas wehtut. Und Anglern sei gesagt: Auch bei Fischen kann man ein Schmerzempfinden nachweisen. Die Tiere lernen, Situationen zu vermeiden, in denen sie zum Beispiel Elektroschocks bekommen. Selbst Krabben konnten ein solches Verhalten erlernen. Nicht nur Wirbeltiere, das lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, empfinden also Schmerzen.

Aber Muscheln? Die werfen wir lebendig in kochendes Wasser, und Austern zucken zusammen, wenn man sie mit Zitronensaft beträufelt. Muss man da Bedenken haben, gegen den Paragrafen 1 des Tierschutzgesetzes zu verstoßen, nach dem man keinem Tier "ohne vernünftigen Grund" Schmerzen zufügen darf?

Im Jahr 1993 entdeckte eine italienische Forschergruppe, dass unter Stress gesetzte Miesmuscheln Endorphine produzieren, hormonartige Stoffe, die bei höheren Tieren Schmerzen lindern. Aber das ist noch kein Beweis dafür, dass die Tiere Schmerzen empfinden. Es handelt sich um Vorgänge im Körper, die reflexhaft stattfinden. Die meisten Forscher sind sich heute einig: Um angenehme oder unangenehme Gefühle zu verspüren, braucht ein Tier zumindest ein rudimentäres Gehirn, also eine zentrale Steuereinheit. Muscheln haben dagegen nur ein paar Ganglien, die sich über ihren Körper verteilen. Fazit: Ohne Hirn kein Schmerz.

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