Mein Mann und ich joggten gerade durch das Tal hinter unserem Dorf, als es auf der Hälfte der Strecke anfing zu regnen und zu hageln. So heftig, das hatte ich noch nie gesehen. Wir überlegten: Stellen wir uns im Wirtshaus um die Ecke unter und trinken ein Bier? Oder rennen wir lieber heim? Zum Glück sind wir nach Hause gerannt, sonst hätten wir all unsere Fotos und Unterlagen verloren. Von innen konnten wir dabei zusehen, wie das Wasser vor unserer Haustür bis zur Türklinke anstieg. Wir legten Handtücher vor die Tür und setzten uns darauf. Das Wasser sickerte trotzdem langsam hinein.

Hinter unserem Haus stand eine Mauer, 40 Zentimeter dick. Die Wassermassen sammelten sich dahinter und drückten so sehr dagegen, dass die Mauer nach vorne flog, vier, fünf Meter weit. Auf Facebook hat mein Mann nach dem Sturm ein Video hochgeladen. Da sieht man, wie die Wassermassen rund um unser Haus fließen. Und man hört mich, wie ich schreie: "Die Mülltonne, die Mülltonne!" Dass unsere Tonne die Straße hinabtrieb, war mir in diesem Moment wichtiger als der 700 Kilogramm schwere Trog aus Granitstein, der zur gleichen Zeit zerbrach. Das klingt jetzt seltsam, aber in solchen Situationen nimmt man selektiv wahr. Es ist wie ein Schockzustand.

Nach einer halben Stunde war das Unwetter vorbei, nach drei Stunden war das Wasser weg. Auf der Straße und im Garten lagen überall Schuhe und zerbrochene Blumenkübel herum, unser Trampolin stand auf dem Autodach. Ein Nachbar, der sechs Häuser weiter wohnt, brachte ein paar Tage später unseren Bollerwagen vorbei, natürlich war er kaputt. Unsere Rutsche haben wir 900 Meter entfernt von unserem Grundstück gefunden, das habe ich bei Google nachgemessen.

In der Nachbarschaft hatte in den folgenden Tagen jeder etwas zu tun, zu schaufeln und zu suchen. Immer wieder hörte man: Hast du das schon gefunden, oder das? Man half einander, und ich glaube, wir sind dadurch zusammengewachsen. Ich war noch lange danach damit beschäftigt, den Garten neu zu strukturieren und zu bepflanzen. Weil ich kurz vor der Flut so viel Arbeit in ihn gesteckt hatte, tat das besonders weh. Zwei Wochen nach dem Regen wollte ich meinen 40. Geburtstag feiern, und eigentlich hatte ich meinen Gästen gesagt: "Ich wünsche mir nichts, weil alles gut ist." Aber nun gab es doch etwas, das ich brauchte: Pflanzen. Zur Feier brachte jeder etwas vorbei. Ein Freund kam sogar mit einem Fliederbusch, den er aus seinem Garten ausgegraben hatte.

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