Es war einmal vor langer Zeit, als Handys noch Tastaturen hatten und Festplatten fünf Gigabyte, da schauten die Menschen Filme auf "Video" oder auf "DVD". Wenn man einen bestimmten Film sehen wollte, musste man ihn als Kassette oder Scheibe finden. Oft suchte man den Film in sogenannten Videotheken – in Verleihgeschäften.

Der Laden, um den es hier geht, das Videodrom, ist eine legendäre Videothek in Berlin-Kreuzberg.

Was, Videothek, gibt es so was immer noch, hahaha, und fährt man da in der Dampfmaschine vor oder was? Haben die schon E-Mail, oder sind die nur per Fax erreichbar?

Jawohl, Videothek, absolut, diese gibt es noch.

Und legendär, was soll das heißen?

Dazu eine kleine Anekdote.

Im Jahr 1991 leben wir in Bonn. Eines Abends wollen meine Eltern ausgehen, dem Nachwuchs wird gestattet, einen Film anzuschauen. Es läuft, entnehmen Mutter und Vater dem Fernsehmagazin Prisma, um 20.15 Uhr ein Film von Walt Disney, er heißt: Das schwarze Loch. Pünktlich um Viertel nach acht also sitze ich, neunjährig, beschlafanzugt und glücklich, zwischen Geschwistern und Babysitterin vor der Glotze.

Was folgt, ist eine Traumatisierung. Der Film, so eine Art Star Wars auf Acid, extrem düster und todestriebhaft, spukt wochenlang in meinen Träumen.

Wahrscheinlich hat das jeder, das furchtbare Filmerlebnis als Kind. Dies war meines. Mit zeitlichem Abstand wuchs in mir allerdings das Bedürfnis, den Film noch einmal zu sehen: erneute Konfrontation, Bewältigung. Nur war der Film zu obskur. Er kam mir nicht mehr unter, nie lief er im Fernsehen, keiner hatte ihn auf Video.

Um das Jahr 2003, ich studierte mittlerweile in Berlin, erfuhr ich von einer Videothek, dem Videodrom in Kreuzberg. Dort, so hieß es, gebe es alle Filme. Ich ging hin. Ein zwielichtiger Raum voller hoher Regale aus Metall, in denen die Filme standen. Über dem Raum, auf einer Empore, hoch wie eine Richterbank, der Tresen.

"Das schwarze Loch?", sagte der Typ dahinter. "Klar. 1979. Ziemlich durchgeknallter Streifen. Großer Flop für Disney." Er schob mir die Kassette rüber. Ich konnte es kaum glauben.

Das Videodrom hatte also tatsächlich alles. Ein Ort, an dem man jeden Film bekommen konnte, der einem einfiel, von Stalker bis zu Surf Nazis Must Die, von Klassikern des Arthouse-Kinos bis zu Juwelen der Trashfilm-Welt.

Die Mitarbeiter des Ladens oben, hinter dem Tresen, waren Autoritäten, mönchische Archivare der Filmkunst. Man näherte sich nur respektvoll, manchmal bekam man einen spöttischen Kommentar für den Müll, den man sich angucken wollte. Das Videodrom bot "kuratierte Filmkunst": 35.000 Filme. Netflix hatte zu seinen besten Zeiten, im Jahr 2010, knapp 7000 Filme im Angebot. Inzwischen sind es nur noch etwa 4000. Aber dazu kommen wir später noch mal.

Für ein paar Jahre war ich oft im Videodrom. Dann zog ich fort, und Filme erreichten mich anders: durch das Netz, als Download oder Stream. Ab und zu fuhr ich an einer Videothek vorbei und dachte: Ist ja wild, da ist echt noch eine Video World, rührend wie eine Nachtigall mitten in der Stadt. Und dann war die Video World ein paar Tage später meist auch schon geschlossen.

Ich vergaß das Videodrom. Vor einer Weile entdeckte ich allerdings auf Facebook einen Post, den gleich mehrere Bekannte teilten: "Liebe Leute, wir müssen uns leider in einer überaus wichtigen und dringlichen Angelegenheit an euch wenden. Dem Videodrom steht das Wasser bis zum Hals, denn unsere Verleihzahlen sind in den letzten Monaten massiv eingebrochen." Es gab den Laden also noch. Es lief, wenig überraschend, nicht gut. Es wurde um Spenden gebeten.

Ich studierte den Beitrag zunächst mit einiger Kälte. Ich dachte: Spenden, hä, seid ihr ein Business oder ein Wohltätigkeitsverein? Die Zeiten ändern sich. Ist doch toll, dass Filme nun in der Cloud schweben, statt auf diesen Scheiben zu verrotten.

Und dann erinnerte ich mich an früher. Wie ich mit Freunden stundenlang in der Videothek diskutierte, was wir jetzt ausleihen, und oft nahmen wir dann gleich zwei oder drei Filme mit. Man saß auf dem Sofa in der WG, rauchte Zigaretten und Joints, trank Bier. Manchmal war es belanglos, was man sich ansah, oft Quatsch, aber manchmal sah man auch Filme, nach denen alle stumm vor dem Abspann verharrten. Ran, Das Teufelsauge, Gorky Park.

Heute sitze ich mit meiner Frau oft genervt vor Netflix, und wir versuchen, unter den seltsam ausdruckslosen Vorschlägen irgendwas Passendes zu finden.

Es war mal schöner, zu Hause Filme anzugucken. Vielleicht, denke ich, hatte das auch was mit den Videotheken zu tun. Damit, dass man zu den Filmen gehen musste, weil sie nicht einfach von selbst zu einem kamen. Mit dem Aufwand und einem gewissen damit einhergehenden Respekt.

Ich schreibe eine E-Mail an das Videodrom. Ich will wissen, wie es nach dem Spendenaufruf so steht. Und ehrlich gesagt bin ich auch neugierig. Ich will mehr erfahren über diesen Laden, der mir früher solche Ehrfurcht eingeflößt hat.