Pater Hans-Michael Hürter: Er verdankt sein Leben einer Ordensschwester, die auf der Seite der Täter stand. © Thekla Ehling

Auf den ersten Blick, in den ersten Minuten deutet nichts darauf hin, dass Pater Hans-Michael Hürter Dinge gesehen hat, die so abscheulich waren, dass die meisten sogar im Kinosaal die Hände vors Gesicht schlagen würden. Seine Wohnung, die zugleich das Pfarrhaus von Ladbergen im Münsterland ist, wirkt wie der Rückzugsort eines Geistlichen, der die Dinge gern bescheiden hat – eine Ikea-Lampe, ein paar Bücher und Grünpflanzen, auf dem Regal ein ausgestopfter Fuchs, an der Wand Jesus Christus am Kreuz. Man muss diesem Mann eine Weile zuhören, um eine Ahnung davon zu bekommen, was für Grausamkeiten er seit 25 Jahren mit sich durchs Leben schleppt.

Hürter ist 57 Jahre alt, er wirkt drahtig, schlanker Körper, Lachfältchen, akkurater Seitenscheitel; ein disziplinierter, gut organisierter Mann, keiner, der sich gehen lässt. In den vergangenen Tagen habe er sich zurückgezogen. "So ein Interview muss man mental vorbereiten", sagt er, "in dieser Intensität mache ich das nicht mit jedem." Natürlich habe er seine Geschichte schon ein paar Freunden und Mitbrüdern erzählt, das heiße aber nicht, dass es leichter geworden sei. Andere, sagt er, auch Mitbrüder, seien unter die Räder gekommen und bis heute so traumatisiert, dass sie nie wieder afrikanischen Boden betreten haben. Im Laufe der nächsten Stunden springt er immer wieder auf, zieht Bildbände, Fotoalben und vergilbte Landkarten aus dem Regal. Er weiß, dass es nicht möglich ist, seinem Besucher eine Ahnung von dem zu vermitteln, was er erlebt hat; er versucht es trotzdem, er hat Zeit, er hat sich den ganzen Tag freigenommen.

Die Bilder sind noch da

Hans-Michael Hürter war dabei, als sich im April vor 25 Jahren eine der schrecklichsten Katastrophen des 20. Jahrhunderts über ein ganzes Land ausbreitete. Sie hat nicht lange gedauert, einhundert Tage nur, aber danach waren das Land und die acht Millionen Menschen, die in ihm lebten, auf Jahre, auf Jahrzehnte hinaus zerrüttet. Danach war das Land unterteilt in Tote und Überlebende, Täter und Opfer. Versehrt und verdammt waren sie alle.

Knapp eine Million Menschenleben forderte der Völkermord in Ruanda, knapp eine Million Angehörige der Tutsi-Minderheit und oppositionelle Hutu, die von radikalen Hutu-Milizen in einem kollektiven Blutrausch massakriert wurden. "Die Bilder sind noch da", sagt Hürter, "aber sie verfolgen mich nicht mehr, ich kann sie steuern, ich kann mit ihnen leben."

Kofi Annan, der damals die UN-Abteilung für Friedenseinsätze leitete, schrieb in seinen Memoiren von einer der erschütterndsten Erfahrungen seines gesamten Berufslebens. Anders als er hat Hürter in diesen Tagen keine entscheidende Rolle gespielt, er hat die Dinge nicht zum Guten oder Schlechten gelenkt – zu verworren ist der Konflikt zwischen der Regierung und den vornehmlich aus Tutsi bestehenden Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF), zu verwickelt die politisch-historische Beziehung der Hutu-Mehrheit zur Tutsi-Minderheit, zu kompliziert auch die Rolle der ruandischen katholischen Kirche, der bis heute vorgeworfen wird, in den Jahren davor zu unkritisch auf der Seite des Regimes gestanden zu haben – aber er war da, als es passiert ist, hat Menschen morden und sterben gesehen. "Als ich zurück in Deutschland war", sagt er, "habe ich bei jeder Beerdigung gedanklich einen toten Ruander mitbegraben."

Hürter ist 27 Jahre alt, als er 1989 – in Berlin wird wenige Wochen später die Mauer fallen – zum Priester geweiht wird und in ein Flugzeug nach Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, steigt. Er hat nicht vor, nach Deutschland zurückzukehren, gelegentliche Besuche, das schon, aber sein Entschluss steht: Als Missionar der Weißen Väter, einer 1868 vom späteren Kardinal Charles Lavigerie gegründeten römisch-katholischen Ordensgemeinschaft, will er sein Leben in Ostafrika verbringen, den Menschen von Jesus erzählen und mithelfen, in einem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land den Frieden zu sichern.

Er glaubt zu wissen, worauf er sich einlässt. Als Pastoralpraktikant hat er Mitte der Achtzigerjahre bereits zwei Jahre in Ruanda verbracht; er weiß, wie es sich anfühlt, morgens kalt zu duschen und nachts bei Kerzenschein in der Bibel zu lesen, wenn der Stromgenerator ausgefallen ist. Er weiß um das symbiotische Verhältnis der ruandischen Kirche zum machthabenden Regime, seitdem er als Praktikant den Erzbischof von Kigali im T-Shirt der Einheitspartei auf der Straße gesehen hat. "Ich dachte, das sei der Bürgermeister, dabei war es der Bischof." Der saß damals nicht nur im Zentralkomitee der Partei, sondern war so etwas wie die linke Hand des Präsidenten. Ruanda war da schon seit Jahrzehnten ein christlich geprägtes Land. Bereits 1946 hatte König Mutara III. Rudahigwa sein Land "Christus dem König" geweiht. 1994 sind 68 Prozent der acht Millionen Einwohner Katholiken, 18 Prozent Protestanten.