In seinen letzten Lebensmonaten kämpfte Neville Chamberlain einen aussichtslosen Kampf. Wenige Wochen nach seiner Ablösung als britischer Premierminister am 10. Mai 1940 wurde bei ihm eine Krebserkrankung diagnostiziert. Zudem machte er sich Sorgen um seine Lebensbilanz, seinen Platz in der Geschichte. Alles, wofür er gestritten hatte, lag in Trümmern, seine Arbeit für den Frieden war vergeblich gewesen.

In den drei Jahren seit seiner Regierungsübernahme 1937 waren Österreich, die Tschechoslowakei, Polen, Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich in die Hände Hitlers gefallen. Das Deutsche Reich hatte sich nicht nur mit Italien und Japan verbündet, sondern auch mit der Sowjetunion. Die deutsche Luftwaffe flog Bombenangriffe auf London und Südengland, und deutsche U-Boote bedrohten die Nachschubrouten des Königreichs über den Atlantik. Großbritannien stand mit dem Rücken zur Wand und sah sich erstmals seit den Koalitionskriegen gegen Napoleon mit der Gefahr einer Invasion konfrontiert.

Angesichts dieser verheerenden Bilanz musste Chamberlain sich schon zu Lebzeiten politische Naivität und strategische Blindheit vorwerfen lassen. Durch schändliche Zugeständnisse – seine Appeasement-Politik – habe er die Ehre der Nation verraten und Großbritannien an den Rand des Abgrunds geführt. Die Anschuldigungen gipfelten in dem moralischen Verdikt einer Komplizenschaft mit Hitler.

Appeasement, das Beschwichtigen und Nachgeben aggressiven Gegnern gegenüber, gilt heute mehr denn je als Schwäche; das Wort ist zu einem Kampfbegriff in der politischen Debatte geworden. Das Urteil über Chamberlain selbst, mit dessen Namen der Begriff so eng verknüpft ist wie mit keiner anderen historischen Gestalt, fällt in der Rückschau zwar etwas milder aus. Die Frage, die schon die Zeitgenossen bewegte, steht aber nach wie vor im Raum: Hätte der Zweite Weltkrieg verhindert werden können? Hätte eine andere, forschere Gangart Hitler gestoppt?

Was die zwölf dramatischen Monate vor Kriegsbeginn am 1. September 1939 betrifft, werden bis heute drei Entscheidungssituationen besonders kritisch beäugt: das Verhalten Chamberlains auf der Münchner Konferenz im September 1938, die Garantieerklärung für Polen Ende März 1939 sowie das Scheitern der Bündnissondierungen mit Moskau im Sommer 1939.

Wie konnte Chamberlain jemals auf Hitlers Wort vertrauen und die Tschechoslowakei ihrem Schicksal überlassen? Warum setzte die Londoner Regierung nach Hitlers Betrug vom März 1939, dem Einmarsch in die Rest-Tschechei, einseitig auf Polen? Und warum wurden die Verhandlungen zum Aufbau einer Abwehrfront unter Einschluss der Sowjetunion nur halbherzig betrieben? Kurzum: War die Appeasement-Strategie ein fataler Irrweg?

Eine abschließende Antwort darauf kann kein Historiker geben. Statt ex post zu urteilen, lohnt es sich vielmehr, durch die Augen der Zeitgenossen auf jene Schlüsselmomente zu blicken, die dem deutschen Überfall auf Polen vor 80 Jahren vorausgingen.

Als Neville Chamberlain im Mai 1937 sein Amt als Premierminister antrat, erfüllte ihn ein ausgesprochenes Sendungsbewusstsein. Der Sohn des Empire-Politikers Joseph Chamberlain und Halbbruder des Friedensnobelpreisträgers Austen Chamberlain war überzeugt, dass nur er in solch kritischer Zeit die Rolle des Friedensstifters übernehmen könne.

Gefahrenherde gab es genug. Das britische Empire hatte zwar längst seinen Zenit überschritten, als einzige Macht aber vertrat es an allen drei weltpolitischen Brennpunkten – in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum und in Fernost – eigene Interessen. Politisch, ökonomisch und militärisch war es damit völlig überfordert. Großbritannien war siegreich aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen, doch in einem erneuten Waffengang gab es nichts mehr zu gewinnen, dafür viel zu verlieren. Der Bevölkerung standen die Entbehrungen der Jahre 1914 bis 1918 zudem noch klar vor Augen. Die Vorstellung, erneut in einen Krieg zu ziehen, erfüllte die Briten in den Dreißigerjahren nicht mit Begeisterung, sondern mit Angst und Schrecken.

Spätestens als sich Berlin, Rom und Tokio einander angenähert hatten, wurde Appeasement zur Staatsräson: Eine potenzielle Dreifrontenlage wollte man auf keinen Fall riskieren. Die Konflikte sollten mit diplomatischen Mitteln gelöst und unterhalb der Schwelle eines Krieges gehalten werden. Zugleich forcierte Großbritannien seine Aufrüstung.