In Achim Trugers Schrank lagert eine Trophäe. Es ist ein Fußballtrikot, schon jahrzehntealt, mit der Aufschrift "Der Staat ist böse". Das Trikot stammt – so erzählt Truger es heute – von einem Fußballturnier, an dem Mitarbeiter der Universität Köln teilnahmen. Truger arbeitete dort damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Finanzwissenschaft, wo man dem Staat eher freundlich gegenüberstand. Die Assistenten aus der Wirtschaftspolitik hingegen waren sehr skeptisch gegenüber Staatseingriffen. Ihr Lehrstuhl war die Heimat der Ordoliberalen, einer in Deutschland traditionsreichen und einflussreichen Denkschule. Sie befürwortet einen starken Staat, der einen Rahmen setzt, etwa in der Wettbewerbsordnung Monopole verhindert; den großen Rest könne aber der Markt besser regeln.

Truger sagte den Wirtschaftspolitik-Mitarbeitern, zum Turnier sollten sie doch unter dem Motto "Der Staat ist böse" auflaufen. Die nahmen den Scherz ernst, tauchten tatsächlich derart auf – und schenkten dem Ideengeber auch ein Exemplar der Trikots.

Das Match Staatsfreunde versus Staatsskeptiker, es hat Truger sein Leben lang begleitet – und er hat sein Team nie verlassen. Auch jetzt nicht, da er mit 49 Jahren in die ökonomische Bundesliga aufgestiegen ist: den Sachverständigenrat für Wirtschaft. Truger ist das neuste Mitglied der sogenannten Wirtschaftsweisen, vergangene Woche hat ihn der Bundespräsident auf Vorschlag der Regierung für fünf Jahre ernannt. Sein Amt begann mit einer Pressekonferenz samt anschließendem Essen mit Kanzlerin Angela Merkel und den Ministern Peter Altmaier und Olaf Scholz. "Ich fühle mich freundlich aufgenommen", sagt Truger über den Tag. Wahrscheinlich wird es trotzdem schwierig.

Schon vor Trugers Ernennung gab es Kritik

Denn der neue Posten bescherte Truger schon einen Shitstorm, bevor er ihn überhaupt innehatte. Als sein Name im vergangenen Jahr als Kandidat der Gewerkschaften bekannt wurde, reagierten die künftigen Kollegen schockiert. Die Finanzmarktexpertin Isabel Schnabel schrieb auf Twitter: "Die wissenschaftliche Qualifikation muss an oberster Stelle stehen" – und legte damit indirekt nahe, dass Truger kein ausreichend guter Wissenschaftler sei. Der Freiburger Professor Lars Feld schrieb, er stelle Trugers Wissenschaftlichkeit nicht nur indirekt, sondern direkt infrage.

Wirtschaftsweise, die ihren neuen Kollegen kritisieren, bevor er überhaupt ernannt ist? Das war ein Skandal, der es von Twitter bis in die Tagesschau schaffte. Truger traf die Kritik hart. Zumal er bis dahin zwar eine stete Karriere gemacht hatte, dabei aber weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit geblieben war. Er schwieg monatelang. Zu groß wohl die Sorge, dass die Sache noch schiefgehen könnte.

Jetzt hat er den Posten, seine Kollegen haben ihren Unmut gedämpft. Die Zusammenarbeit wird für ihn trotzdem nicht leicht. Denn die Mehrheit im Rat will in vielen Punkten anderes erreichen als er. Truger ist der neue Linke im Gremium, auf Vorschlag der Gewerkschaften ernannt. Er hält viel davon, die Steuern zu erhöhen (für Besserverdiener) und den Staat mehr ausgeben zu lassen (für Investitionen). Dafür kann sich das Land seiner Meinung nach ruhig wieder mehr verschulden. Wenn die Staatsquote, also der Anteil der Staatsausgaben an der Wirtschaftskraft, am Ende um ein paar Prozentpunkte steige, findet er das "angesichts der Herausforderungen nicht schlimm".