Bei Imhof spielt keiner niemanden. Hier treten nicht wahre Menschen mit wahren Gefühlen auf, auch keine unwahren Menschen, keine Schauspieler, die fremdes Seelenleben zur Aufführung bringen. Imhofs Akteure gleichen eher Zeichen auf einem abstrakten Gemälde, und die Stärke ihrer Kunst besteht darin, dass just in der Abstraktion beides aufzuscheinen vermag: tiefe Rührung und ungerührte Analyse. Sie setzt Allegorien in Szene, ohne in Belehrung zu erstarren. Bilder individueller Sehnsucht – und zugleich Gesellschaftsbilder.

Imhof befragt den Epochenwandel von der Industrie- zur Digitalkultur als einen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Wie verändern sich die Verhältnisse, die zwischenmenschlichen und die politischen? Wie umgehen mit dem Hyperindividualismus, der jeden Zusammenhalt aufsprengt? Lässt sich die atomisierte Gegenwart überwinden? Wo endet Einsamkeit?

Das sind sie, die großen Imhof-Fragen, und unterschwellig durchziehen sie den Abend. Hier haben alle ihre eigene, markante Identität, manche der Akteure sind ausgebildete Tänzer, doch gehören zu Imhofs Truppe ebenso Freunde oder Geschwister, und man merkt gleich, wer hier seinen Körper professionell bewohnt und wer nicht. Allen gemeinsam ist jedoch die Art, wie sie ihre Unterschiedlichkeit zur Schau tragen, nämlich wie Models auf dem Laufsteg ihre Haute Couture: mit stolzem Gleichmut. Und ähnlich wie bei Modeschauen folgen auch hier die Körper, obwohl hoch individualisiert, einer Choreografie. Die Akteure tanzen, rauchen, balgen miteinander, manchmal liegen sie ermattet auf Matratzen – und wirken doch immer wie von höheren Mächten ferngelenkt.

Im Theatrum Mundi der Barockzeit galt die Bühne als Welt und die Welt als Bühne, und viele sahen im Menschen nur die Spielfigur in einem großen göttlichen Plan. Bei Imhof ist es ähnlich: Der freie Wille ist schwerlich auszumachen, ein Gott aber auch nicht. Was da lenkt und leitet – eine mythische Kraft? Gar die Macht der Bilder und Klänge? –, bleibt unklar. Deutlich wird nur, dass in Sex der private und der gesellschaftliche Körper neu verschmelzen. Was ein Freund ist, was ein Fremder, was intim, was öffentlich, lässt sich kaum mehr sagen. Es ist wie in den Weiten des Internets: Die Grenzen fallen.

Imhof scheint das mit einiger Skepsis zu sehen, ein tiefes Moll füllt die Räume. Dennoch gibt es Momente, in denen die neue Unbestimmtheit der Digitalmoderne als Chance erscheint: um alte Rituale der Gemeinsamkeit zu reaktivieren und neue Formen des Gemeinsinns zu erproben. Im Gegensatz zur heutigen Gegenwart, in der immer alles klar, alles gut, alles fit sein soll, bekommt bei Imhof die Melancholie weiten Raum und erlaubt es den Einzelnen, sich als Verletzte und Verletzliche zu zeigen.

Könnte auch in Achtsamkeitskitsch ausarten

Dergleichen könnte leicht in psychologisierenden Achtsamkeitskitsch ausarten, doch Imhof bleibt auch hier abstrakt. Sie sucht sich Pathosformeln der Kunstgeschichte, es gibt Szenen, die an die Kreuzabnahme erinnern, an Prozessionen und Beweinung. Die kleinen Musikboxen, die manche der Akteure mit sich tragen, sehen wie Weihrauchschwenker aus. Vor allem aber eine Geste bleibt in Erinnerung: Die Frauen und Männer heben die Hände, als wollten sie sich ergeben, nur dass sie dabei ihre Körper verdrehen. Das wirkt dann eher wie ein segnendes Zeichen oder wie Christus, der seine Wunden vorzeigt.

Es sind Zitate, die mit Religion nur insofern etwas zu tun haben, als daraus ein Verlangen nach Rückbindung spricht. Das ist gerade in der Musik an diesem Abend zu spüren, die zur saugenden Kraft wird, mal klassisch inspiriert, mal punkig, mal maschinenhaft. Denn plötzlich ist da eine Tiefe, die Imhof ihren Figuren sonst streng untersagt. Und wenn Eliza Douglas ihre ungemein dunkle Stimme erklingen lässt, dann wird aus dem Publikum fast eine Gemeinde: angefasst und andächtig, den Tränen (und also sich selbst) nah. Das "Heimweh nach der Traurigkeit", hier verbindet es die Unverbundenen.

Wie in Venedig gelingt Imhof auch in London (und später noch in Chicago und Turin) ein Tableau vivant, ein pulsierendes Sinnbild, mit dem der heilige Ernst zurückkehrt in die Kunst. Das werden einige unheimlich finden, andere prätentiös. Niemand aber kann Imhof den Mut absprechen, mit dem sie hier aufs Ganze geht. Die Zeit der Beliebigkeiten ist vorbei. Man möchte sagen: endlich!