Mensch und Tier haben so viele tragische Züge gemeinsam, dass es wundernimmt, wie wenig die Verbundenheit empfunden wird. Mit dem Tragischen ist hier nicht, wie es vulgärer Sprachgebrauch tut, das bloß Traurige, irgendwie Bedauerliche gemeint – das Entlaufen einer Ehefrau oder, im Falle eines jagenden Fuchses, das Entkommen des Kaninchens, das eben noch verheißungsvoll zwischen den Zähnen zappelte.

Gemeint ist echte Tragik im Sinne der plötzlichen Verkehrung eines Guten in sein Gegenteil. Das immer neu erschütternde Beispiel ist die Hochspezialisierung von Lebewesen für die Existenz in einer Nische, die dann plötzlich – meist durch technologischen Fortschritt – für immer verschwindet. Wie viele Vögel und Insekten haben sich nicht für das Leben im Feldrain, in Hecken und Steinwällen spezialisiert und wurden von einer industrialisierten Landwirtschaft um ihr Biotop gebracht! Und ähnlich das Schicksal der Menschen, die sich rund um das gedruckte Wort hochgezüchtet hatten, die Schriftsetzer, Letterngießer, Experten im Umgang mit den Linotype- und Monotype-Maschinen, ganz zu schweigen von den Metteuren, die aus den gegossenen Zeilen und Lettern die Buch- und Zeitungsseiten bauten. Sie alle verloren, erst durch den Fotosatz, dann durch die Digitalisierung der Schrift, ihren Lebensraum, an den sie sich über Jahrhunderte angepasst hatten, einschließlich der widrigen Blei- und Arsendämpfe, die sie an ihrem Arbeitsplatz auszuhalten lernten.

Aber was einst ein Überlebensvorteil gewesen war, verwandelte sich in einen Überlebensnachteil, als die Setzmaschinenwelt verschwand. Es gab kein Äquivalent, an dem sich ihre schwarze Kunst bewähren konnte. An ihnen wiederholte sich das Schicksal jener Käferarten, die sich einst zu konkurrenzlosen Verwertern von morschem Holz einer ganz bestimmten Baumart entwickelt hatten. Im modernen, effizient bewirtschafteten Forst, wo Totholz nicht liegen bleibt oder eben diese bestimmte, nicht sehr schnellwüchsige Baumart nicht mehr geduldet wird, sahen sich die Käfer zum Verhungern, Aussterben, mindestens zum Auswandern verurteilt.

Dem arbeitslos gewordenen Metteur konnte das Arbeitsamt eine Umschulung verpassen – aber wie sollte die Umschulung einer Käferart gelingen? Bei näherer Betrachtung jedoch ist der Unterschied, der mit der berühmten Lernfähigkeit des Menschen zu tun haben soll, nicht so groß, zumindest nicht durchgängig. Es gibt auch Tierarten, die umgesattelt haben – Füchse, die nicht mehr Wildkaninchen in der freien Wildbahn jagen, sondern Mülltonnen in der Großstadt durchwühlen. Und umgekehrt gibt es Metteure, die auch nach diversen Digitalisierungskursen nicht als Webdesigner im Internet Fuß fassen konnten, sondern ebenfalls nur in der Großstadt die Müllcontainer durchwühlen.

Wunderbarerweise entsteht den Füchsen dabei durch die Metteure keine Konkurrenz; Letztere haben sich meist auf die Pfandflaschen spezialisiert, die für kleine Raubtiere weitgehend uninteressant sind. Könnte man also von einer gelingenden Kohabitation der Deklassierten sprechen? Wahrscheinlich nicht. Denn was wird sein, wenn auch die Pfandflaschen durch irgendeinen technologischen Fortschritt verschwinden? Und die neuerliche Spezialisierung der obdachlos gewordenen Metteure ebenfalls ins Nichts führt?

Oh Mensch, der du in deinem Fortschrittswahn das Artensterben in der Tierwelt organisierst, wisse um deine eigene Bedrohtheit! Auch du gehörst so oder so einer Art an, die in einer Nische lebt, und wirst mit dem Entzug deiner Nische untergehen.