Nein!

Von Wolfgang Thielmann

Acht Monate habe ich meine Mutter auf dem letzten Weg begleitet. An einem Sonntagabend im Sommer setzte das Sterben ein. In der Nacht zum Dienstag darauf, drei Stunden nachdem ich gegangen war, ist sie im Morgengrauen gestorben. Sie war schwer krank und musste ins Heim. Ihr blutete die Nase in Sturzbächen, wieder und wieder. "Das ist kein Leben mehr", sagte sie mitunter. Sie hat darauf gewartet, dass der Tod kam. Aber ihr Leben beenden? Mich darum bitten? Das kam für sie nicht infrage. Ich bin ihr dafür dankbar.

Nein, ich kann keines Menschen Leben beenden oder dabei helfen, ich darf es nicht. Denn die Frage ist zu groß für mich. Ich kann nicht durch mein Handeln mitentscheiden, worin die Würde eines Menschenlebens liegt. Der Ethiker Wolfgang Huber hat recht: Würde ist unantastbar, weil sie mir verliehen wird – ich glaube: von Gott. Wenn ich sie selber stifte und ihre Grenze bestimme, dann taste ich sie an. Deshalb ist das Tabu gegenüber der Hilfe zum Sterben richtig. Die Bundesärztekammer hat sich im Februar zu Recht dagegen gesperrt, dass Ärzte tödliche Medikamente verschreiben.

Die Frage nach der Sterbehilfe bewegt mich seit fast 20 Jahren, als ich Mediziner aus den Niederlanden kennengelernt habe. Wir trafen uns auf einer Tagung deutscher Politiker, Mediziner, Juristen und Theologen mit Kollegen aus den Niederlanden. Gerade war dort ein neues Gesetz verabschiedet worden, eine Ausnahme vom Tötungsverbot: Ein Arzt darf eine tödliche Spritze setzen – wenn der Patient es wünscht, wenn er von einem Arzt beraten wurde, wenn sein Leiden unerträglich und sein Zustand aussichtslos ist. Und wenn ein zweiter Arzt das bestätigt hat. Seitdem bin ich dankbar, dass wir in Deutschland vorsichtiger sind. Wir erlauben bisher keine Hilfe zum Suizid, schon gar nicht durch Ärzte. Das Christentum, die Naturrechtslehre und Immanuel Kant haben Barrieren errichtet schon gegen die Selbsttötung (auch wenn der Versuch nicht strafbar ist) und gar die Mithilfe dazu: Kant, weil die Selbsttötung dem kategorischen Imperativ widerspreche, nach dem das eigene Handeln immer vorbildlich für andere sein soll; das Christentum, weil eine Selbsttötung in das Handeln Gottes eingreife.

Auf der Tagung mit den Niederländern habe ich den alttestamentlichen Hiob als Kronzeugen gegen die niederländische Regelung angeführt. Hiob klagte Gott an, dass er ihm das Leben zumutet, obwohl er ihm alles genommen hat: seinen Besitz, seine Familie, seine Gesundheit. Sein Zustand war aussichtslos und sein Leiden unerträglich. Er hätte also die Bedingungen für die niederländische Sterbehilfe erfüllt. Und doch hielt er sein Leben aus, bis Gott ihm begegnete und Hiob neue Hoffnung gab. – Daraus leite ich die Einsicht ab, dass niemand beim Sterben allein gelassen werden darf. Dann würden auch die Forderungen nach Sterbehilfe leiser. Die Antwort der Christen bestand in systematischer Krankenpflege unter der Verantwortung des Bischofs. Bis heute ist das Krankenhaus Kennzeichen unserer christlich geprägten Kultur. Schon in den ersten Jahrhunderten hieß es, es zeichne die Christen aus, dass bei ihnen niemand ungetröstet stirbt. Deshalb haben sich die christlichen Krankenhäuser von heute darauf verständigt, keine aktive Sterbehilfe und auch keinen assistierten Suizid anzubieten. Deshalb haben die Kirchen Hospize, die Menschen im Sterben beistehen und ihre Schmerzen lindern. Dort kommt die Bitte um Sterbehilfe selten. Deshalb sollten die Kirchen noch enger an der Seite sterbender und einsamer Menschen zu finden sein.

In den Niederlanden sterben mittlerweile fast fünf Prozent der Menschen durch aktive Sterbehilfe: weil ihnen ein Arzt die tödliche Spritze setzt. Sie wollen sterben, weil sie etwa die Spätfolgen der Demenz fürchten. Der Report, mit dem die niederländische Regierung alle fünf Jahre die Regelung zur Sterbehilfe überprüft, besagt zudem, dass jeder zweite Arzt gesellschaftlichen Druck empfinde, aktiv sterben helfen zu müssen. Jeder dritte Arzt wurde schon von Angehörigen von Patienten unter Druck gesetzt.

Die meisten Staaten verbieten die Hilfe zur Selbsttötung bis heute. So sind alle Versuche gescheitert, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ein Recht auf diese Hilfe zu erstreiten. In Großbritannien sprachen sich 80 Prozent der Palliativmediziner gegen aktive Sterbehilfe aus – also diejenigen, die den Menschen am Ende des Lebens am nächsten sind. Nein, die Lösung liegt nicht in den Niederlanden und auch nicht in der Schweiz, wo Sterbehilfeorganisationen einem ein tödliches Medikament besorgen. Sie warten darauf, dass das Bundesverfassungsgericht das Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe von 2015 kippt, das ihre Arbeit in Deutschland unterbindet.

Ich hoffe, dass Karlsruhe das Verbot bestätigt. Und dass wir uns darauf einigen, das Tabu der Hilfe zur Selbsttötung bestehen zu lassen. Damit das Leben auch am Ende unantastbar bleibt.