Was die Konzernlenker sich für die Zukunft ausdenken, lässt sich 9.000 Kilometer entfernt von Leverkusen schon besichtigen. Wer durch die Hochland-Savannen der brasilianischen Zentralregion fährt, über die Autobahnen des Bundesstaates Mato Grosso, sieht bis an den Horizont stundenlang nur eines: Ackerland voller Mais- und Sojapflanzen. Dazwischen gigantische Landmaschinen, die säen, ernten und den Boden bearbeiten, am Himmel darüber ab und zu Sprühflugzeuge. Am Rand der Felder beschreiben Tafeln, was da wächst: Saat von Bayer, Syngenta, DowDuPont.

Mato grosso heißt auf Deutsch eigentlich "dichter Wald", doch dessen Fläche wurde seit den 1970er-Jahren halbiert. Und das brasilianische Hochland wurde zu einer der produktivsten Agrarregionen der Welt. Es entstand ein Utopia für die Riesen der Agrarchemie.

Hier funktioniert das Modell, auf das die Konzerne setzen: gewaltige Erträge pro Fläche, dank gentechnisch veränderten Saatguts und des passenden Düngers, dank Unkrautvernichtern wie Roundup und Schädlingsgiften, dank Hightech-Sensoren und Präzisionsmaschinen.

Es ist die Vision aufeinander abgestimmter Agrartechnologien, die besonders gut funktionieren, wenn sie von einem Konzern als Komplettpaket geliefert werden. So lassen sich die Komponenten gut aufeinander abstimmen. Die Konzerne arbeiten sogar daran, mit besserem Monitoring die Menge der Gifte zu verringern – und trotzdem genauso viel oder noch mehr zu verdienen. Bayer und Monsanto passen in dieser Hinsicht gut zusammen: Bayer kennt sich besonders gut aus mit Agrarchemie, Monsanto mit Saatgut und Gentechnik.

Giftige Geschäfte

Der weltweite Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln legt seit Jahren zu. Die Branche wächst, und die Konzerne schließen sich neuerdings zusammen.

Quellen: FAO, Industrieverband Agrar, Thomson Reuters © ZEIT-Grafik

"Hier wurde ein Produktivitätswunder geschaffen", sagt Tasso Azevedo, ein Unternehmer im brasilianischen Umweltschutzsektor. Früher war er verantwortlich für Waldfragen im brasilianischen Umweltministerium. Azevedo erzählt, dass die Produktion von Getreide und Ölsaaten in Brasilien von 1991 bis 2017 um 312 Prozent zugenommen habe, "aber die Anbaufläche wuchs bloß um 61 Prozent".

Doch Umweltschützer sehen das mit Sorge – in Brasilien und auf der ganzen Welt. "Die Konzerne lösen hier ein Problem, indem sie ein anderes schaffen", sagt Luis Fernando Guedes Pinto, ein Agraringenieur, der bei der Organisation Imaflora aus São Paulo arbeitet. Die kämpft für nachhaltige Landwirtschaft.

In Pintos Augen werden die Landwirte von gewaltigen Mengen an Chemie abhängig, die außerdem die Böden und das Grundwasser vergiften. Die Monokulturen vertrieben Kleinbauern, zerstörten die Felder von Ökolandwirten durch Pflanzengifte und die Vielfalt der Natur. Wissenschaftler brasilianischer Universitäten veröffentlichen seit Jahren Studien darüber, dass der Nebel aus den Sprühflugzeugen Fehlgeburten und Atembeschwerden auslöse. Die örtlichen Behörden und die Firmen bestreiten das.

In Berlin-Kreuzberg gibt es eine Organisation mit dem sperrigen Namen European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Dort arbeiten politisch engagierte Rechtsanwälte, ihr Chef heißt Wolfgang Kaleck, der unter anderem auch den Whistleblower Edward Snowden vertritt. ECCHR arbeitet international. Die Organisation hat kürzlich die Opfer eines Brands in einer pakistanischen Textilfabrik vor dem Landgericht Dortmund vertreten. Die Fabrik produziert für den deutschen Textildiscounter KiK.