Wie schon früher mal kümmert sich die Organisation um Bayer – und das weltweit. Kaleck kommt gerade von einem Workshop aus Argentinien zurück. Dort traf er sich mit Aktivisten und Rechtsanwälten aus Lateinamerika. Was sie besprachen, könnte das nächste Problem für Bayer werden: weitere Klagen von Roundup-Opfern. "Rechtliche Verfahren sind bereits in Argentinien und Brasilien Realität", sagt er. Bayer kommentiert, es sehe "derzeit keine Anhaltspunkte für einen Anstieg der Klagen außerhalb der USA".

Kalecks Meinung nach können solche Verfahren ausländischer Kläger auch in Deutschland geführt werden. "Das schauen wir uns gerade sehr genau an." Die vielen angelaufenen Verfahren in den USA findet er nützlich: Da werde neues Wissen über die Schädlichkeit von Monsanto-Produkten gewonnen, was bei Verfahren in anderen Ländern genutzt werden könne.

Sollte jetzt wirklich eine Klagewelle auf Bayer zurollen, aus aller Welt und schneller als vom Management erwartet? Das wird Ende April in Bonn zum großen Thema auf der Bayer-Hauptversammlung werden.

"Die Aktionäre wissen nicht, wie tief das Loch ist, das durch die Monsanto-Übernahme entstanden ist", sagt Christian Strenger. Der 77-jährige Wirtschaftsprofessor gilt als Deutschlands erfahrenster Aktionärsschützer. Strenger ist in mehreren Aufsichtsräten aktiv, und er saß von 2001 bis 2016 in einer Regierungskommission, die Verhaltensregeln für Vorstände und Aufsichtsräte entwickelt.

Für die Bayer-Hauptversammlung hat er einen Gegenantrag eingereicht. Er fordert, die Vorstandsmitglieder nicht zu entlasten, weil die Übernahme von Monsanto "zum größten und schnellsten Wertvernichter der Dax-Geschichte" geworden sei. Der Vorstandsvorsitzende Baumann und seine Kollegen hätten die Rechtsrisiken aus den Glyphosat-Klagen unterschätzt. Zu Wochenbeginn war Bayer an der Börse gerade noch 53 Milliarden Euro beziehungsweise 60 Milliarden Dollar wert. Weniger, als der Konzern für Monsanto bezahlt hat.

Bayer hat bisher mitgeteilt, dass das Unternehmen für die Rechtsstreitigkeiten mehrere Hundert Millionen Euro zurückgestellt habe. Doch der Union-Investment-Experte Manns schätzt: Am Ende könnten diese Verfahren fünf Milliarden Dollar kosten. Sicher sei das aber nicht. "Wenn es mehr würde, sagen wir zehn Milliarden, müsste man den Sinn des Deals anzweifeln." Genau könne man das erst in ein paar Jahren wissen, wenn die ersten Urteile rechtskräftig oder Vergleiche geschlossen worden seien.

Bis dahin kann viel geschehen. "Schwerwiegende Folgen für die Reputation des Unternehmens und des Managements" habe die Krise bei Bayer auf jeden Fall, argumentiert John Rountree, Partner bei der Managementberatung Novasecta aus London. Er berät Pharma- und Biotechunternehmen in Europa, den USA und Japan. Seiner Meinung nach könnten die finanziellen Folgen der Klagewelle nicht so schwerwiegend ausfallen, dass Bayer pleitegeht.

Sie könnten den Konzern aber womöglich in eine Aufspaltung treiben: Pharma und Agrar. Wenn das Unternehmen finanziell geschwächt dastehe, könnten aktivistische Investoren erscheinen und auf einen Verkauf der profitablen Teile drängen. So ist es in der Welt der Großkonzerne schon öfter gelaufen.