Die große Bayer-Wette lautet also: Die Bedenkenträger am Kapitalmarkt überschätzen – durch ihren auf Europa und die USA verengten Blick – die Gefahren. Und sie unterschätzen die wirtschaftlichen Möglichkeiten der neuen Pflanzenschutzwelt.

Das Wachstum in der Agrarwirtschaft geht nämlich hauptsächlich von China aus: Seit Anfang der Neunzigerjahre stagniert dort die Produktion von Soja, Mais und anderen Futtermitteln für Stalltiere, aber der Verbrauch und damit der Import aus anderen Ländern legt stark zu. Das liegt am rasant wachsenden Fleischkonsum in China. Ähnliche Entwicklungen gibt es im restlichen Asien und in anderen Schwellenländern. Die USA dominieren bisher den Markt der Futtermittelexporte, Länder wie Brasilien und Argentinien sind ihnen dicht auf den Fersen. Und in ihnen entsteht jene Landwirtschaft, die der Bayer-Vorstand Condon bereits heute als den alles entscheidenden Wachstumsmarkt sieht.

In den aufsteigenden Produktionsländern hat das nicht nur wirtschaftliche Folgen. Eine ständig steigende Produktivität in der Landwirtschaft ist heute vielerorts Staatsräson. 2018 zum Beispiel erwirkten Umweltschützer in Brasilien erfolgreich ein gerichtliches Verbot von Roundup, doch der Bann hielt nicht mal einen einzigen Monat: Dann folgte ein Richter dem Argument der Regierung, dass das Verbot "die Wirtschaft des Landes beeinträchtigen" würde. Der damalige Agrarminister Blairo Maggi, zugleich einer der größten Sojabarone des Landes, schrieb auf Twitter: "Gute Nachricht!!!!"

Gefräßige Stalltiere

China ist Großabnehmer für Mais, Soja und anderes Tierfutter. In der Volksrepublik steigt der Fleischkonsum, aber die Futterproduktion stagniert.

Quellen: FAO, Industrieverband Agrar, Thomson Reuters © ZEIT-Grafik

Die Frage, ob Bayer in dieser neuen Welt der Agrarchemie hauptsächlich zum Unkrautvernichter oder zum Kapitalvernichter wird, entscheidet sich also auch daran, welche politischen und behördenamtlichen Entscheidungen in den Produktionsländern fallen. Bisher zeigt die Erfahrung: Sie fallen häufig zugunsten der Konzerne aus. Aus etlichen Ländern wird von politischem Druck auf Behörden und Gerichte berichtet. In Sri Lanka etwa wurde Glyphosat nach drei Jahren Verbot im vergangenen Jahr wieder zugelassen – nicht zuletzt weil die Landwirtschaft ohne das Mittel erhebliche Ernteeinbußen erlitten hatte.

Die jahrelang vorangetriebene Strategie – der Verkauf von Produkten aus den Händen sehr weniger Konzerne – hat in vielen Ländern Abhängigkeiten geschaffen.

In den USA sieht das anders aus, hier muss der Konzern die Justiz weiter fürchten. Gerade hat der umtriebige Anwalt Miller erste Erfolge erzielt. 2018 erstritt er in erster Instanz 78 Millionen Dollar Schadensersatz für den an Krebs erkrankten Hausmeister Lee Johnson, der vielfach mit Roundup in Berührung gekommen war.

Das war ein Rückschlag für Bayer, auch wenn der Konzern Berufung eingelegt hat. Miller sieht sich auf Erfolgskurs: Vergangene Woche entschieden die Geschworenen in einem anderen Fall, dass Roundup bei der Krebserkrankung eines weiteren Klägers eine substanzielle Rolle gespielt habe. Und diese Woche führt Miller im kalifornischen Oakland den Prozess eines krebskranken Ehepaars, das durch seine Werbeanzeigen auf ihn aufmerksam geworden war. "Das wird ein schönes Urteil, keine Sorge", sagt der Anwalt.

Miller unterbreitet Bayer allerdings auch ein Angebot: Der Aktienkurs der Leverkusener könne sich schnell wieder erholen, wenn der Konzern auf die Gerichtsverfahren verzichte und sich auf Vergleiche einlasse – dann wäre das finanzielle Risiko für die Anleger kalkulierbar. Der Fall des Hausmeisters Johnson sei ein gutes Beispiel, sagt Miller: Er habe früh einen Vergleich über sechs Millionen Dollar vorgeschlagen, nun müsse Bayer womöglich das Zehnfache bezahlen.

Wenn der Konzern endlich mit sich reden lasse, müsse er jeden Miller-Klienten entschädigen. "Wir sind zu Gesprächen bereit, wir sind rational, und wir sind fair", sagt der Anwalt. Doch Bayer erklärt: Man lehne Vergleiche ab, die über die reinen Anwalts- und Gerichtskosten hinausgingen.