Nur noch 40 Minuten. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem Hamburger Karikaturisten Reinhard Beuthien am 23. Juni 1952 nicht. Er soll eine einprägsame Serienfigur schaffen für die erste Ausgabe der Bild, mit der der Verleger Axel Springer den Zeitungsmarkt revolutionieren will. Beuthien hat ein rotziges Kleinkind gezeichnet, doch der Entwurf fällt durch. Also zeichnet er, womöglich inspiriert von der Reeperbahn, eine kurvenreiche Blondine mit endlosen Beinen, extraschmaler Taille und üppiger Oberweite. Dazu einen Kussmund und einen Brigitte-Bardot-Pferdeschwanz – fertig ist Lilli. Kess erkundigt sie sich bei ihrem ersten Auftritt bei einer Wahrsagerin nach dem Namen eines "großen, reichen, schönen Mannes".

Die Puppe Lilli wurde durch einen Zufall zum Vorbild von Barbie. © Christoph Gunkel

Man könnte diese zeichnerische Sturzgeburt ignorieren, hätte sie nicht indirekt das Leben von Millionen Kindern verändert. Denn Beuthiens Lilli war das Vorbild für die Barbie, die im März vor 60 Jahren erstmals in New York präsentiert wurde.

Wie ein vergessener Hamburger Zeichner über Umwege zum Vater der erfolgreichsten Puppe der Welt wurde, kann am besten Silke Knaak erzählen. Die 52-jährige gebürtige Hamburgerin ist die Autorin des einzigen Bildbands über Lilli. In ihrem Haus bei Harburg lädt sie in ihr "Puppenzimmer" im ersten Stock. Darin lächeln in Vitrinen Dutzende langbeinige Puppen. Vorsichtig nimmt Knaak eine Barbie mit gestreiftem Badeanzug heraus, es ist die erste Barbie-Figur von 1959. Dann greift sie eine Puppe mit grüner Jacke, Shorts und gelber Bluse, die ein paar Jahre älter ist. "Sehen die sich nicht verblüffend ähnlich?", fragt sie und klingt, als spreche sie von alten Freundinnen. Die zweite Puppe ist eine "Bild-Lilli". Sie gehörte Beuthiens Schwester, heute ist sie wohl ein paar Tausend Euro wert. Größe, Beweglichkeit des Kopfes und der Glieder – fast identisch.

Lilli war ein Herren-Gag

Wie aber wurde aus Beuthiens Zeichnung eine Puppe? Dafür müsse man an die Prüderie der Fünfziger denken, sagt Knaak. Damals hätten die heute bieder und sexistisch wirkenden Cartoons als "sehr frech" gegolten: "Lilli arbeitete als Sekretärin, war weltoffen und flirtete gerne." Einen Ordnungshüter am Strand, wo "zweiteilige Badeanzüge" verboten waren, fragte sie: "Welches Teil soll ich ausziehen?" Und einer Kollegin erzählte Lilli vom "kräftig" anfassenden Lkw-Fahrer, der ihr bei einer Autopanne half; ihr enges Kleid ist übersät von öligen Handabdrücken.

Bald war Lilli so populär, dass die Bild aus ihr eine Werbe-Puppe machen wollte. Über einen Hamburger Rechteverwerter wurde die Spielzeugfirma O&M Hausser bei Coburg beauftragt – eine Spezialfirma, die zu Kriegszeiten noch Spielzeugsoldaten und -panzer produziert hatte. Der Modelleur verzweifelte fast an Lilli: Wie sollte er ihren verführerischen Gesichtsausdruck formen, wenn sogar Beuthien Lilli fast nur im Profil zeichnete? Viele Fehlversuche mündeten 1955 in drei Patenten. Das Wichtigste dabei: Lilli konnte sich züchtig setzen, ihre Beine ließen sich nicht spreizen.

Lippen und Augen waren handbemalt, Beine und Arme mundgeblasen, eine in die Stirn fallende Locke musste per Lockenstab und Zuckerwasser fixiert werden. Viele Puppen hatten eine kleine Bild- Zeitung dabei. Dort stand, Lilli sei eine Spezialistin "im Kopfverdrehen" und man dürfe sie auch gerne "von oben bis unten abseifen". Verkauft wurden die Puppen auf einem Bild -Sockel stehend in einer Art Plastik-Litfaßsäule. Der Aufwand lohnte sich: Obwohl die Puppen, die es in 29 und 18 Zentimeter Größe gab, mit bis zu 23 Mark sehr teuer waren, verkauften sie sich blendend. Heute sind sie Sammelobjekte. Für Mädchen waren sie gar nicht gedacht. Die sollten nach damaligem Verständnis mit Babypuppen spielen, um sich auf ein Leben als Hausfrau vorzubereiten. Lilli war ein Herren-Gag.