© Monja Gentschow für DIE ZEIT

Nehmen wir die Enttäuschung vorweg: Sie werden heute keine Dichter-Tour machen. Als belesener Leser fällt Ihnen zu Calw natürlich als Erstes (und wohl auch Letztes) Hermann Hesse ein. Der hat seinen Geburtsort mal "die schönste Stadt von allen" genannt. Kaum aber war er volljährig, ging er lieber weg und hinterließ anderswo Spuren. Darum ist er den meisten Calwern von Herzen egal. Lernen werden Sie trotzdem etwas: Auch Literaturnobelpreisträgern sollte man nicht alles glauben.

Mehr über das Wesen der Calwer verrät der Brezeltarif. Auf den örtlichen Parkplätzen wird nämlich nach dreißig Minuten eine Gebühr fällig. Und damit keiner auf die Idee kommt, Schwaben seien geizig, hat die Stadt dieser Frist einen hübschen Namen gegeben. Eine halbe Stunde reicht schließlich für den Gang zum Bäcker. Am Busbahnhof allerdings bekommen Sie eine ganze Stunde geschenkt – Doppelbrezeltarif. Starten wir also hier.

Bei Kebab Art können Sie sich einen Softdrink mitnehmen, dann gehen Sie nach rechts, lassen Spielkasinos und Beton hinter sich. Zählen Sie mit: Die Universalwörtchen "gell" und "AMK" (amina koyim, türkisch für "Ich ficke dich") fallen in dieser Gegend gleich oft. Auf der Nikolausbrücke beginnt die heile Kopfsteinpflasterwelt, und schauen Sie, wer da wartet!

Seien Sie nicht traurig, dass der Bronze-Hesse die Hand in der Hosentasche lässt. Wollten Sie wirklich ein Stück Statue begrüßen? Genießen Sie lieber die Sicht auf die Nagold; die Stadt wird sie Ihnen gleich verbauen. Dann weiter durch die Marktstraße. Falls Ihr Softdrink schon durchgelaufen ist: super! In 16 mit "nette Toilette" gekennzeichneten Lokalen können Sie gratis pinkeln. Darauf ist man stolz in Calw.

Mit dem Marktplatz erreichen Sie das 17. Jahrhundert: Fachwerk, grüne Fensterlädle, rote Fensterlädle, sogar aus dem Brunnen blüht es. Sehen Sie die Hausnummer 6? Im Modehaus fragen Sie diskret nach Pitt Schaber. Wissendes Nicken, Anruf via Schnurtelefon. Dann kommt ein schlaksiger Mann die Wendeltreppe runter. Wenn er aufgeräumt hat, führt Herr Schaber Sie in Hesses Geburtszimmer, das zufällig in seiner Privatwohnung liegt. Lieber ist es ihm, wenn Sie sich vorher bei der Stadtinfo anmelden.

Genug in fremden Nestern gewühlt, es gibt Kaffee und Quarkspeise im Montagnola, dem gemütlichsten Café der Stadt. Hier können Sie Ihren Hesse rauskramen. Oder Sie kommen ins Gespräch. Besser als Siddhartha zieht bei den Calwern die Populärkultur – fragen Sie nach Udo Lindenberg. Der Hesse-Fan spielte schon viermal auf dem Marktplatz bei Calw rockt. Und jeder Calwer hat ihn mal irgendwo vorbeigehen sehen und ist deshalb immer noch aus dem Häuschen.

Gestärkt folgen Sie dem Wegweiser zu den "100 Stäffele". Na los, der Aufstieg lohnt sich. Oben erspähen Sie Fachwerk, die Nagold und einen terrakottafarbenen Turm, welcher "der Lange" heißt. Im Dachgeschoss schlief einst der Nachtwächter, unten warteten Schwerverbrecher auf ihre Hinrichtung. Vor allem aber sehen Sie: Tannen. Gehen Sie den oberen Panoramaweg entlang, und atmen Sie tief durch, bis Sie den Stadtgarten erreichen. Zu Hause erzählen Sie, Sie seien durch den Nordschwarzwald gewandert.

Über die Salzgasse gelangen Sie zur Lederstraße, der Haupteinkaufsmeile. Calwer erkennen Sie am eiligen Gang. Die schlampern. Bedeutet: effizient bummeln. Nach fünf Minuten erreichen Sie einen Klotz mit zwei Dächern, Kaufland genannt, obwohl er weit mehr beherbergt. Durch die Scheibe sehen Sie Einheimische beim Bäcker Kaffee trinken, ein Arm auf dem Einkaufswagen ruhend. Aber für Sie gibt es jetzt Bier.

Hinter der Brücke liegt das Brauhaus Schönbuch, in einer denkmalgeschützten Turnhalle. Wo früher Klettertaue baumelten, hängen heute riesige LED-Ringe. Ländle trifft Moderne. Innovativ sind auch die Mixgetränke à la Bananenweizen. Sie bestellen zum Tagesgericht besser ein Pils. Lassen Sie sich von den Schlampernden nicht den Spaß daran verderben. Sie sind heute schon 100 Stäffele gestiegen.

Aber trinken Sie zügig, Ihre Zeit läuft ab. Aufs Wechselgeld achten, und dann laufen Sie die Nagold entlang, raufende Kinder und weiteres Fachwerk ignorierend. Links über die Weinsteige, auf der großen Straße beschleunigen. Sonst bringt der doppelte Brezeltarif nichts, und Sie hätten gleich zentraler parken können.