DIE ZEIT: Herr Hein, Ihr neues Buch Gegenlauschangriff steht in der Kritik. Ihnen sollen sachliche Fehler unterlaufen sein. In einer der Anekdoten in Ihrem Buch erzählen Sie, Spiegel-Redakteure hätten im Frühjahr 1993 mit Ihnen ein Interview geführt. Einer der Redakteure, den Sie nicht namentlich nennen, ein früherer Spiegel-Korrespondent in der DDR, habe das Gespräch mit dem Satz eröffnet: "Herr Hein, wir haben leider nichts gegen Sie in der Hand." Ein Satz, mit dem er sich aus Ihrer Sicht als "Schurke" entlarvt habe. Sie schlussfolgern, er sei vergeblich auf der Suche nach Belastendem in Ihren Stasi-Akten gewesen. Nun hat der Spiegel in seiner neuen Ausgabe erhebliche Zweifel an der geschilderten Episode geäußert.

Christoph Hein: Leider zu Recht. Mir sind zwei Fehler unterlaufen. Das Gespräch hatte 1998 stattgefunden, nicht 1993. Und bei demjenigen, der den Satz gesagt hat, handelte sich auch nicht um den früheren Spiegel-Korrespondenten, also nicht um Ulrich Schwarz. Das wird in der nächsten Auflage und im E-Book korrigiert.

ZEIT: Wie sind Sie denn auf das Jahr 1993 gekommen?

Hein: Ich habe kein Archiv und kein Sekretariat, ich habe das aus der Erinnerung heraus aufgeschrieben.

ZEIT: Können Sie denn mittlerweile rekonstruieren, wer den Satz gesagt hat?

Hein: Ja, es war ein Redakteur, der zu DDR-Zeiten bei der ZEIT gearbeitet hat und später, im Jahr 1998, beim Spiegel war: der Kulturredakteur Volker Hage.

ZEIT: Volker Hage bestreitet, das Gespräch derart begonnen zu haben. Er habe sich auch nicht Ihre Akten vorlegen lassen.

Hein: Dass sich Volker Hage an den Satz nicht erinnern kann, ist doch nicht verwunderlich. Es war ja lediglich eine scherzhafte Eröffnung des Gesprächs, die auch nicht abgedruckt worden ist. An sich nichts Bedeutendes. Allerdings wusste ich in dieser Zeit, dass sich über 80 Journalisten meine Akten angesehen haben, um etwas enthüllen zu können. Für Hage war das damals eine launige Bemerkung, nicht mehr. Eine Petitesse. Das verstehe ich auch. Mich hat es damals trotzdem unangenehm berührt.

ZEIT: Sie bezeichnen ihn immerhin als Schurken.

Hein: Wäre in den Akten etwas Belastendes gefunden worden – ein Stasi-Spitzel hätte ja irgendetwas erfinden können –, dann hätte das meinen bürgerlichen Tod bedeutet. Deshalb reagierte ich so empfindlich. Ich weiß noch genau, wie sehr Christa Wolf litt, als ihre – alles in allem belanglose – Mitarbeit bei der Stasi um 1960 herum nach der Wiedervereinigung skandalisiert wurde. Sie erzählte mir, sie habe an Selbstmord gedacht. Es ging eben um Existenzen, um ganze Biografien.

ZEIT: Die FAZ hat eine andere Anekdote Ihres Buches kritisiert. Sie erzählen, wie Florian Henckel von Donnersmarck Sie aufgesucht hat, als er für seinen Film Das Leben der Anderen recherchierte. Sie hätten ihm von Ihrem Kampf gegen die Zensur in der DDR berichtet, von Ihrem Leben in den Achtzigerjahren. Sie schreiben, Donnersmarck habe das völlig falsch wiedergegeben in seinem Film. Sie suggerieren, er habe Ihr Leben verfilmen wollen.

Hein: Ich beklage keinesfalls, dass der Regisseur eine Geschichte fantasievoll verändert. Und ich komme ja auch nicht direkt im Film vor. Ein Kunstwerk erzählt vor allem von seinem Autor. Nur: Die Achtzigerjahre der DDR waren völlig anders als im Film dargestellt. Ein öffentlicher Protest wie der einer Gruppe von Schriftstellern gegen die Ausbürgerung von Biermann 1976 wäre in früheren Jahren als Staatsverleumdung mit Inhaftierung bestraft worden. Die Zeiten hatten sich längst geändert, allein mit Gewalt und Repression konnte der Staat in den Achtzigerjahren diesem Druck der Bevölkerung nicht Einhalt gebieten. Das gibt der Film nicht richtig wieder, auch deshalb ist er ein melodramatisches Märchen.