Seit der berühmten Schwimmbad-Bibliothek (1988) schätzt man Alan Hollinghurst (64) als einen subtilen, virtuosen und unterhaltsamen Chronisten der britischen Gesellschaft aus dem Blickwinkel homosexueller Erfahrungen. Auch sein neuer Roman bietet ein zwischen Oxford und London spielendes, feines Panorama homosexuellen Lebens zwischen 1940 und 2012. Indes macht man mit diesem Buch eine sehr eigenartige Erfahrung: Fast jede Seite liest sich mit enormem Genuss, doch das Ganze enttäuscht durch eine gewisse Kraft- und Richtungslosigkeit.

Der Grund dafür ist die überaus merkwürdige Entscheidung, die Hollinghurst für diesen Roman getroffen hat. Er nennt ihn nach einem von ihm erfundenen Skandal Die Sparsholt-Affäre, lässt über 540 Seiten all seine Gestalten immer wieder in den Schatten dieser Affäre tauchen, erzählt aber außer zweieinhalb Andeutungen rein gar nichts von ihr: Es gab 1966, ein Jahr bevor England die Homosexualität entkriminalisierte, ein Date zwischen David Sparsholt, einem umwerfend schönen, legendären Royal-Air-Force-Piloten und späteren Unternehmer, Clifford Haxby, einem Lokalpolitiker, Leslie Stevens, einem Mitglied des Unterhauses, und einem Prostituierten, Korruption soll im Spiel gewesen sein, Sparsholt kam ins Gefängnis, seine Ehe ging in die Brüche, sein Sohn Johnny litt, die Boulevardpresse überschlug sich, einige Bücher wurden geschrieben.

Mehr erfährt man nicht. Und in vier der fünf Teile ist der Maler Johnny, Sparsholts Sohn, der sehr anziehende Held des Romans, obwohl Hollinghurst doch die Affäre zum eigentlichen Gravitationszentrum des Romans machen wollte. Vom Buchtitel bis hin zur letzten Zeile ist sie der Wiedergänger des Buches. Sie bestimmt manches, elektrisiert alle und bleibt doch, sowohl als Geschehen wie als Wirkung, unerzählt.

Man kann lange rätseln, warum Hollinghurst sich für diese indirekte Präsenz seines Titelthemas entschieden hat. Dass er die deutlichen Sexszenen seiner früheren Bücher nicht repetieren wollte – geschenkt. Dass er "die lüstern ausgeschmückte Rekonstruktion" der "sensationsgeilen Presse" durch Diskretion und Auslassungen meiden wollte – wunderbar. Dass er den Mühen des Beredens, dem Verdrängten seelischer Wunden gerecht werden wollte – mag sein. Auch dass er den schönen Sparsholt vorwiegend als Objekt der Begierde und nur selten als aktive Figur zeigt, kann man verstehen. Aber dass er die zuerst so präsente Ehefrau Sparsholts aus dem Buch verschwinden lässt, ist schon ziemlich kurios. Und dass er das Vaterleiden des Sohnes zwar zum Thema erklärt, es dann aber in dessen sonst wunderbar dargestelltem Innenleben kaum aufscheinen lässt – das gibt dem Buch eine ungute Unwucht. Alles raunt ständig und irritierend von einer zuletzt doch recht kraftlosen Absenz. Und entwertet damit, als wären sie bloße Nebenfiguren, die Präsenz der wunderbaren Protagonisten, die das Buch zuletzt doch ganz für sich tragen müssen.

So wacklig ihr Zusammenhalt sein mag, es bleiben fünf oft hinreißend gut geschriebene und auf ihre Art trotz allem zusammenhängende Teile. Man nehme nur das Motiv der Dunkelheit. Es hebt an mit den historisch so genau gezeichneten Nachtbildern des 1940 im Blitzkrieg verdunkelten Oxford mitsamt den halbdunklen, erotisch aufgeladenen College-Waschräumen. Es setzt sich fort mit den Partys in Cranley Gardens, zu denen sich 34 Jahre später dieselben Personen samt Zuwächsen treffen, oft bei Kerzenlicht, da wegen Ölkrise und Bergarbeiterstreiks ständig der Strom ausfällt. Und es endet glorios in einer lichtdurchzuckten finsteren Disconacht 2012, als eine SMS Johnny just vor einem Fick vom Tod seines Vaters unterrichtet. Auch dieser Fick steht in einer wunderbaren Konstellation – er wird den inzwischen 60-jährigen Johnny zu einem 20-jährigen Brasilianer führen, nachdem Johnny früher einen Gleichaltrigen nicht bekam, weil der auf ältere Männer stand, auch auf Johnnys sündig schönen Vater! Wie toll Hollinghurst das Schwulwerden von Jungen und das Altwerden von Schwulen hinbekommt, inklusive Begräbnisszenen. Und wie enorm treffend er die Kulturgeschichte der Schwulen erzählt, vom Erregend-Verklemmten in Oxford bis zur, sagen wir mal, offenherzigen Dating-App-Erotik von heute, wo der schwule, wilde und langhaarige Johnny mit einer lesbischen Frau eine Tochter hat, die ihn bittet, zu ihrer Hochzeit mit Zylinder zu erscheinen.

Natürlich sollte der rote Faden des Buches Johnnys Weg zu seinem Vater sein. Wir sehen, wie er als junger Restaurator in Kunstwerken "nach versteckten Hinweisen auf Sex" sucht und dabei ans "schummrige Labyrinth eines Buches" denkt. "Ein schlichtes Bild vermochte ein unerklärtes Geheimnis zu bergen", denkt er, noch bevor er eine etwas schlichte Kreidezeichnung als Jugendbildnis seines gut aussehenden Vaters erkennt – es hängt bei einem Mann, der in Oxford eine Nacht lang der Liebhaber seines Vaters war und den er, Johnny, als seinen Ersatzvater auserkoren hat. Wir fühlen Absicht und sind dennoch nicht verstimmt. Aber wenn Hollinghurst das Verhältnis des Sohnes zu seinem Vater etwas beherzter ausgeleuchtet hätte, wären ihm vielleicht die ziellosen Bummeleien und kulturgeschichtlichen Genrebildchen nicht unterlaufen, die seinen Roman aus dem Hochattraktiven immer wieder ins unentschieden Albumblätterhafte umschlagen lassen.

Alan Hollinghurst: Die Sparsholt Affäre. A. d. Engl. v. Thomas Stegers; Blessing Verlag 2019; 544 S., 24,– €