Er weiß, was Journalisten wollen – und dass sie es immer ein bisschen zu eilig haben. Seit Jahren steht Dieter Puhl stets bereit, wenn eine Redaktion noch schnell ein Foto oder ein Interview braucht. Deswegen dauert es nicht lange, bis er zurückruft, nachdem man ihn um ein Treffen gebeten hat. Doch dieses Mal zögert Puhl. Er wisse nicht, ob er da der Richtige sei. "Ich habe bei dem Thema Angst, etwas Doofes zu sagen." Das Thema, über das man mit ihm reden will: sein Glaube.

Dieter Puhl ist einer der bekanntesten Berliner. Zehn Jahre lang, bis Ende Dezember 2018, leitete er am Zoologischen Garten die Bahnhofsmission. Es ist die größte Deutschlands; täglich kommen Hunderte hierher, für ein Essen oder eine saubere Unterhose. Auch Journalisten kommen oft hierher, auf der Suche nach Geschichten – Dieter Puhl erzählte sie. Er wurde zum Gesicht der Einrichtung, zum Sprecher der Obdachlosen; zum "Berliner des Jahres" und "Mr. Obdachlos", so stand es in lokalen Zeitungen. Nie scheute Dieter Puhl die Öffentlichkeit. Er wird es auch weiter nicht tun: Seit Januar ist er Leiter des neu geschaffenen Arbeitsbereichs "Christliche und gesellschaftliche Verantwortung" bei der Berliner Stadtmission, in der er so etwas wie ein Lobbyist für die Armen werden soll. Warum zögert Dieter Puhl also beim Thema Glauben?

Es ist ein Sonntag Mitte Januar, zwei Tage nach der offiziellen Bekanntgabe seines Abschieds als Leiter der Bahnhofsmission. Die Freimaurer haben zum Neujahrsempfang eingeladen. Hundertfünfzig Gäste, Klavierspielerin, Opernsängerin, Reden. Dieter Puhl ist hier, um eine Spende für die Bahnhofsmission entgegenzunehmen. Als er vorn steht, neben Vertretern anderer Organisationen, die ebenfalls einen Scheck erhalten, wird klar, warum ihn die Zeitungen so gern ablichten. Die anderen tragen vor allem Schwarz, Anzug, bewusst schick. Puhl, 61, trägt Jeans, Jeansjacke, Mütze, alles in Beige, die Hände in der Hosentasche, den Blick oft nach unten, ein schelmisch-schüchternes Grinsen auf dem Gesicht. Am Ende schütteln viele Freimaurer Puhls Hand, loben seine Arbeit und beteuern, wie schade sein Weggang sei.

Bevor man Dieter Puhl trifft, sendet er einem bereits bei Facebook eine Freundschaftsanfrage, drei Minuten nach Annahme den ersten wohlwollenden Kommentar. Im Gespräch gibt er sich, als sei man auf dem besten Weg, beste Freunde zu werden. Das mag einigen zu viel sein, aber genau mit dieser Methode hat er in den vergangenen Jahren ein breites Netz an Förderern für die Bahnhofsmission aufgebaut. Auf der Liste stehen Frank-Walter Steinmeier, Joachim Gauck, der ehemalige Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube. Manchen Kollegen machte Dieter Puhl in der Bahnhofsmission zu viel Trubel, zu wenig Sozialarbeit. Aber selbst die sagen: Ohne seine Öffentlichkeitsarbeit wäre die Einrichtung am Zoo nicht da, wo sie heute ist. Sie hat heute mehr Geld, mehr Personal, mehr Ansehen als vor zehn Jahren. Als er an der Bahnhofsmission anfing, arbeiteten dort acht Sozialarbeiter und 60 Ehrenamtliche. Er hatte die Vorgabe, am besten noch welche zu entlassen. Heute sind es 24 Festangestellte und 210 Ehrenamtliche.

Trotzdem bleibt Berlin in Sachen Obdachlosigkeit ein Brennpunkt. Niemand weiß genau, wie viele Menschen in der Dreieinhalb-Millionen-Stadt auf der Straße leben; die Sozialverbände gehen von Tausenden aus. Puhl schätzt, dass es zwischen 4000 und 6000 Menschen sind, Tendenz steigend. Bis zu 700 davon kommen täglich in die Bahnhofsmission. Er sieht jeden Tag Dutzende von ihnen, neue Gesichter, bekanntes Leid; schüttelt Hände, unterhält sich, spricht Mut zu. Sieht seit zehn Jahren, dass vieles eben nicht gut läuft auf der Welt – und sagt trotzdem, sein Glaube sei in den letzten zehn Jahren stärker geworden. Da fragt man sich natürlich schon, wie das eigentlich zusammenpasst.

Beim Treffen in der Bahnhofsmission zeigt er das Hygienezentrum mit Duschen und Toiletten; die Kantine, in der es an diesem Tag Leberkäse mit Sauerkraut gibt. An den Wänden der Bürogänge hängen die Fotos der Verstorbenen. Er erzählt von ihnen, von Siggi, Kathi, Janne; beschreibt deren "abgefaulte Füße", benutzt bewusst derbe Wörter, weil er wohl schocken will, um aufzurütteln. Er geht durch den Anbau des Gebäudes, in dem neue Räume für die Bahnhofsmission entstehen sollen. Vieles ist noch unaufgebaut, aber an der Wand hängt ein Kreuz. Eine Kapelle soll hier entstehen. Als er das erste Mal hier hereinkam, sagt Dieter Puhl, sei das gleich seine Vision gewesen. Er schaut aufs Kreuz, und auf einmal: "Glück können Sie übersetzen mit Segnung." In einem Moment von abgefaulten Körperteilen reden und im nächsten von Segen – wie kann das sein?

Es ist gar nicht lange her, da hätte Dieter Puhl so etwas noch nicht gesagt. Zwar ist er in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, in einer Gemeinde bei Kiel – die Mutter evangelisch, der Vater katholisch, beide keine Kirchgänger, aber doch so selbstverständlich gläubig, dass Dieter Puhl Gott nie anzweifelte. Nach der Schule dann, mit 17, ging er sogar nach Berlin, um Diakon zu werden. Aber ausgerechnet in der Ausbildung verlor er, so sagt er das, den Glauben. Er kann sich nicht mehr genau daran erinnern, wie es kam. Sie hätten sich in der Ausbildung auch viel mit Religionskritik beschäftigt, da setzte sich, glaubt er, wohl etwas fest. Und irgendwann habe er es einfach nicht mehr geglaubt: "Bei unserer Einsegnung war ich der einzige Atheist." Er blieb es zwanzig Jahre, sagt er, zumindest habe er sich selbst so gesehen.

Wenn man ihm zuhört, fragt man sich, ob das stimmt. Oder ob da nicht immer dieses kleine Wissen um eine Allgegenwart Gottes in seinem Herzen war. Er sie nur eine Weile ignorierte.