Ausgerechnet an diesem Abend zwickt das verdammte Knie, ausgerechnet an diesem Abend, an dem zwölf Stufen zwischen der Bühne und der Backstage liegen. Bei der sechsten bleibt er stehen, flucht. Vor ein paar Tagen hat er mit seinem Sohn Ski fahren wollen, aber es ist nicht gegangen. "Mitte vierzig und ein lahmes Bein, was ist los?"

Dominic Deville, 43, ist das neue Schweizer Fernsehgesicht nach dem Tatort. Am nächsten Sonntag entert er mit seiner Show Deville Late Night den begehrten Sendeplatz in der Primetime.

Heute aber liest er aus seinem Buch Pogo im Kindergarten im Kleintheater in Luzern und legt seine Lieblingsplatten auf. Wenn er denn die verdammte Treppe runterkommt.

Hier in Luzern war er schon ein bisschen berühmt, bevor man ihn in Zürich und am Leutschenbach entdeckt hat. In Horw ist er aufgewachsen, in Luzern Kindergärtner geworden, hier hat er ein paar Jahre gearbeitet, bevor er nach Berlin zog und in zwei Monaten fast seine ganzen Ersparnisse von 15.000 Franken verschleuderte. Vieles ging fürs Ausgehen und Alkohol drauf. Er nahm Gelegenheitsjobs an, arbeitete als Erzieher, Plakatkleber, Hörspielautor, verkaufte Langlaufski, obwohl er nicht langlaufen kann. Nachts trat er mit seiner Punkband auf und zertrümmerte sein Knie auf dem Betonboden eines Nachtclubs, als er sich in die Menge stürzen wollte, aber niemand da war, der ihn hätte auffangen können. Etliche Knochenbrüche, und die Hälfte der Zähne sind weg; und bald auch das allerletzte Geld, das er für Arztrechnungen ausgibt. 2003 verlässt Deville Berlin mit vielen Schulden, weil er nicht unfallversichert war, und fängt wieder von vorn an. In Luzern, wo er mit 27 wieder bei den Eltern einzieht.

Wer in dieser Zeit in Luzern ein Teenager ist, kann nicht anders, als Dominic Deville zu kennen. Man ist gruselig beeindruckt, wenn er in den Luzerner Altstadtgassen mit seiner Band Failed Teacher auftritt, sein Schlagzeug malträtiert, sich am Boden wälzt und alle beschimpft, die ihren Samstagseinkauf für das Spektakel unterbrechen. Deville, der Punk-Held. Heiser und mit Schrammen.

Noch heute steckt sein kaputtes Knie in Röhrenjeans, noch immer trägt er rote Dr.-Martens-Stiefel. Aber bald steht ein Termin beim Physiotherapeuten an. Ist Physiotherapie noch Punk?

"Es ist der Beweis, dass du mal Punk warst", sagt Deville. Für die Lesung hat er einen Rollkoffer dabei. Darin einige Exemplare seines Buches, ein paar Platten und ganz unten eine Zeichnung seiner Tochter, eine Mumie.

Er beginnt zu lesen auf der kleinen Bühne mit seiner unverwechselbar hohen Stimme, das "r" weit hinten gesprochen. Hin und wieder legt er eine der Platten auf, die er sich als Teenager gekauft hat. Verarschung total zum Beispiel, ein Stück der Deutschpunker Normahl, drei Akkorde. Später sagt er: "Der Punk hat mich gefunden, ich hatte das immer schon in mir drin. Das Punk-Credo war: Es gibt keine Leute auf und unterhalb der Bühne, jeder darf alles machen."

Als Kind übt er am Schlagzeug im Keller der Eltern und spielt heute noch immer, auch wenn er nie ein guter Schlagzeuger geworden ist. Sein Beat: roh und laut. Später gründet er zusammen mit Benjamin Gross das Punk-Duo Failed Teachers, weil die beiden kein Geld für Ferien haben. Sie touren durch die Schweiz, spielen auf der Straße, und während Gross gemütlich im Café sitzt, springt der wilde Deville von einer Brücke in den Fluss.

Daheim in Luzern torkelt er rastlos durchs Leben, moderiert, erfindet Brettspiele, und wenn jemand einen Zauberer braucht, dann zaubert er, obwohl er auch das kaum kann. Für ihn ist das Punk, und Punk ist auch Größenwahn.

Aber Deville ist nicht nur Punk, er hat auch eine unsichere Seite. "Echten Künstlern ist es egal, was die Welt über sie denkt. Bei mir ist das nicht so", sagt er. Er liest alles, was über ihn geschrieben wird, jeden Tweet, manchmal scrollt er sich sogar durch die Online-Kommentare, die unter den Artikeln stehen, die über ihn geschrieben werden. "Das ist wie mit Drogen: Es kommt drauf an, in welcher Stimmung du das konsumierst. Wenn du down bist, dann wirst du noch mehr down, weil es ist immer vernichtend."

Sechs Jahre lang stürzt er sich in Luzern von Idee zu Idee, bis ihm alles zu viel wird. "Ich hatte kein Geld, um weiter als zwei Wochen vorauszuplanen. Ich war ausgebrannt." 2009 wird seine Freundin schwanger. "Ich schlief im Büro eines Freundes, quasi unter dem Schreibtisch, für 200 Franken im Monat. Ich hatte ein paar T-Shirts und ein paar Hosen. Ich war 34 und dachte: Irgendwie ist das nicht so geil."

"Jetzt ist Mainstream angesagt"

Deville verlässt Luzern ein zweites Mal, zieht nach Zürich, nimmt halbtags einen Job als Kindergärtner an. Heute lebt er mit seiner Partnerin und den beiden Kindern in Zürich. Sie habe ihm geholfen, sich zu fokussieren. Er schreibt sein erstes Comedy-Programm, geht als Punk-Kindergärtner auf Tournee, erhält 2013 eine Einladung für einen Auftritt bei Giacobbo/Müller. "Das war etwas vom Besten, das ich in den letzten Jahren gesehen habe", sagt Viktor Giacobbo heute.

Als das Schweizer Fernsehen ein Konzept für einen Nachfolger des Sonntagabendklassikers Giacobbo/Müller sucht, reicht Deville eine Pilotsendung ein. Eine Art Zimmer frei! mit Illuminaten. Das Testpublikum ist mäßig begeistert. "Die Leute haben mich als Figur völlig abgelehnt", sagt er. Trotzdem darf er weitermachen, Viktor Giacobbo hat sich für ihn starkgemacht.

Bald erhält Deville eine eigene Sendung, eine politische Late-Night-Show. Seit drei Jahren, jeweils am Freitag, kurz vor Mitternacht. Dominic Deville ist darin ein Nervenbündel im Anzug, das auch mal mit Früchten um sich schmeißt.

Früher kippten Devilles Auftritte manchmal, wie ein Irokese beim Pogotanzen. Er bewegte sich am Rande des Trash, beleidigte, pöbelte, improvisierte, sprang ins Publikum, wenn ihm danach war. "Er ist noch immer ein Kindskopf", sagt Giacobbo. Aber heute ist er ein Kindskopf im Fernsehen, "das Trashige, das funktioniert nicht mehr", sagt er selbst. Ein paar Mal hat er vor der Kamera randaliert, aber als er es sich später ansah, fand er es hilflos. Jetzt lässt er es bleiben.

Am nächsten Sonntag beginnt wieder eine neue Zeit für ihn. "Jetzt ist Mainstream angesagt, jetzt musst du schauen, dass dir die Leute nicht davonlaufen." Vor dem Auftritt trinkt Deville jetzt manchmal ein alkoholfreies Bier.

Ist das noch Deville? "Es bin noch immer ich", sagt er. Einfach angepasster, glatter, und es spielt auch keine Band mehr während der Sendung, damit die Leute nicht wegzappen. Diesmal ist es ihm nicht egal, ob er scheitert. Zwei Staffeln hat das Schweizer Fernsehen bestellt, eine im Frühling, eine im Herbst. Wenn die Zahlen nicht stimmen, ist es vorbei. Als Sidekick ist künftig Patrick Karpiczenko, einer der Miterfinder der Sendung zu sehen, der bisher nur hinter der Kamera tätig war. Der Berner Filmemacher und Komiker wird in Sketches mitspielen und sich für Straßenumfragen unter das Schweizer Volk mischen.

Devilles Freund Benjamin Groß sagt: "Bis Mitte dreißig konnte er sein Talent nicht zu Geld machen. Jetzt ist das möglich."

Und was ist aus dem Punk von einst geworden? Er muss nicht mehr auf alles einen fuck geben – und bekommt dafür den Sonntagabend, will es probieren, weil: Mehr geht für einen wie ihn nicht in der Schweiz.

Ab und zu, ganz selten, treten die Failed Teachers noch zusammen auf. Dann ist es wieder wie früher, roh und laut. Dann springt Deville noch immer ins Publikum. Weil er halt doch lieber "ein alter Punk als ein junger Banker" ist. Und einmal im Jahr gehen Deville und Gross mit ihren Kindern zelten. Dann sei er ruhiger, sagt sein Freund. "In den Unterhaltungsmodus kommt er erst, wenn mehr als drei Leute anwesend sind."

Die Lesung in Luzern ist zu Ende. Dominic Deville sitzt im Foyer an einem Tisch und signiert Bücher für angehende Lehrerinnen und einen alternden Punk, der mit seiner erwachsenen Tochter angereist ist. An der Bar trifft er Freunde von früher, beim Hintereingang raucht er noch eine Zigarette. Im Licht der Straßenlampe sieht er jünger aus, das Grau der Bartstoppeln verschwindet im warmen Schein. Dann muss er los, auf den letzten Zug.

"Deville Late Night": ab Sonntag, 31. März, jeweils um 21.40 Uhr auf SRF 1