Der Vatikan hat seinen nächsten Skandal, als Berichterstatter registriert man es mittlerweile genervt. Verhaftete Bischöfe, verurteilte Kardinäle, Unworte und Donnerworte des Papstes, Intrigen und Häresievorwürfe, dazu Vatikansprecher, die sich eine Minute vorm Anti-Missbrauchs-Gipfel aus dem Staub machen. Und was ist es diesmal?

Die Redaktion des vatikanischen Frauenmagazins ist zurückgetreten, aus Protest gegen wachsende Männermacht. Doch, wirklich! Der Vatikan hat ein Frauenmagazin. Unter dem Dach des Osservatore Romano, legendäre Zeitung des Heiligen Stuhls, wurde im Jahr 2012 eine Beilage gegründet mit dem Titel Donne Chiesa Mondo (Frauen, Kirche, Welt), das Team bestand zuletzt aus elf Frauen. Am Montag quittierten sie demonstrativ und gemeinsam ihren Dienst. Die Herausgeberin Lucetta Scaraffia begründete den Abgang mit einem angeblichen Klima "wachsenden Misstrauens" gegen sie und ihre Redaktion. Scaraffia schrieb ein letztes Editorial in eigener Sache, dazu einen Protestbrief an den Papst.

Aus diesem Brief war zunächst nur der Vorwurf bekannt, dass die Damen künftig "unter direkter Kontrolle von Männern" stünden, die bereits begonnen hätten, die Arbeit der Redaktion zu "delegitimieren". Tatsache ist, dass die Historikerin Scaraffia sich als katholische Feministin versteht und auch so schrieb, nämlich bissig und eigenwillig. Zuletzt ging es in ihrem Magazin viel um Missbrauch – und im Februar brachte sie das Tabuthema der von Klerikern vergewaltigten Ordensfrauen auf. Deshalb hieß es nach Scaraffias Rücktritt in den nichtkirchlichen Medien sogleich: Ihre kritische Missbrauchsberichterstattung sei der Grund, warum sie rausgeekelt wurde. Das ist nicht unwahrscheinlich (auch wenn andere Medien des Heiligen Stuhls ebenfalls kritisch berichteten, so Vatican News, lange unter dem Namen Radio Vatikan bekannt). Aber wer waren Scaraffias Gegner?

Bislang wurde sie von ganz oben geschützt. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, ein Gefolgsmann von Papst Franziskus, hielt seine Hand über sie. Und die Gründung des Monatsblattes fand 2012 mit dem Segen von Papst Benedikt XVI. statt (bis 2008 hatte es keine einzige Journalistin bei Radio Vatikan gegeben). Konkreter Hintergrund des spektakulären Rücktritts ist nun ein Chefredakteurswechsel beim Osservatore, dessen neuer Direktor Andrea Monda ist, ein Medienprofi, der bisher nicht als Hardliner auffiel. Er wies die Befürchtungen Scaraffias zurück und kündigte an, sich mit einem Gremium von Frauen über die Zukunft des Magazins zu beraten. Dass es weiter erscheine, sei definitiv.

Und was steht nun in dem Brief von Scaraffia an den Papst? "Lieber Papst Franziskus, mit großem Bedauern teilen wir Ihnen mit, dass wir die Zusammenarbeit mit Donne Chiesa Mondo aussetzen, die Sie stets gefördert haben.

Mit der Schließung endet eine neue Erfahrung für die Kirche. Zum ersten Mal konnte eine Gruppe von Frauen im Herzen des Vatikans und der Kommunikation des Heiligen Stuhls mit Geist und freiem Herzen arbeiten. Wir fühlten uns oft wie Bergleute, die Edelsteine ans Licht brachten: Es war ein menschlicher und universeller Reichtum und in diesem Sinne 'katholisch'.

Unter vielen Briefen, die wir erhielten, waren auch solche von Ordensschwestern, waren Fälle, die uns mit Empörung und Leid erfüllten. Wie Sie wissen, waren wir nicht die Ersten, die über schwere Ausbeutung sprachen, der viele geweihte Frauen ausgesetzt waren (sowohl im Dienst als auch durch sexuellen Missbrauch). Wir konnten nicht länger schweigen: Wir hätten das Vertrauen verletzt, dass viele Frauen ins uns setzten.

Nun aber scheint es uns, dass eine Initiative zum Schweigen gebracht wird und man zu alten und vertrockneten Sitten zurückkehrt, von oben Frauen zu wählen, die als zuverlässig gelten. Auf diese Weise wird die freie Rede verworfen, um zu klerikaler Selbstbezüglichkeit zurückzukehren. "

Ist das so? Und ist das Gängelung? Oder gab es nur Dissens mit dem neuen Chefredakteur? Dass Dissens schon reichen könnte, um das Handtuch zu werfen im Vatikan, ist wohl das eigentliche Problem. Kollegen von Scaraffia sagen: Es sei "tragisch, dass wir diese Frau verlieren", weil sie auf unbestechliche Art "alle möglichen schwierigen Themen anfasste".

Mitarbeit: Francesco Giammarco