Es gibt Momente, in denen lässt sich die vergangene Bedeutung eines Menschen besichtigen, viel mehr als die gegenwärtige. Wer Frauke Petry beobachtet, an einem trüben Nachmittag im März – der wird vor allem darauf gestoßen, wie wichtig diese Frau einst war.

Und wie wichtig sie, offenbar, immer noch genommen wird.

Petry, 43, sitzt an diesem Tag im großen Saal des Oberlandesgerichts Dresden. Der ist für mehrere Millionen Euro gebaut worden, damit darin gegen Terroristen verhandelt werden kann. Es ließe sich hier eine ganze rechtsextreme Vereinigung mitsamt ihrer Armada aus Anwälten versammeln. Mehr als 100 Gäste könnten im Publikum sitzen, zwischen ihnen und den Angeklagten eine Scheibe aus Plexiglas.

Aber an diesem Tag sitzt hinter dieser Scheibe eben kaum jemand außer der früheren Chefin der AfD. Frauke Petry ist wegen Meineids angeklagt. Neben ihr hat ihr Anwalt Platz genommen, außerdem Marcus Pretzell, ihr Ehemann. Gegenüber: die Staatsanwältin. Dazwischen: der Richter, die Schöffen. Verteilt im Saal noch einige Justizangestellte. Im Publikum fünf Menschen, davon zwei Journalisten. Man kann nicht sagen, dass das System Frauke Petry nicht ernst nehmen würde.

Juristisch ist die Sache, um die es hier geht, ja tatsächlich ernst. Ein Meineid ist ein Verbrechen, das mit einer Haftstrafe von bis zu 15 Jahren bestraft wird. Was für eine Fallhöhe! Muss man sich Frauke Petry, die manche schon als die erste AfD-Kanzlerkandidatin sahen, als eine Angela Merkel des Rechtspopulismus – muss man sie sich bald in einer Gefängniszelle vorstellen?

Das ist die eine Frage dieses Verfahrens. Die andere lautet: Könnte es sein, dass Petry hier, im Gerichtssaal, ein letztes Mal die große Öffentlichkeit erlebt? Dass dieser Prozess ihre letzte echte Bühne ist, das Verfahren eine Art Abschiedszeremonie von einer deutschen Politikerin, wie es sie so in der Bundesrepublik auch noch nicht gegeben hat?

Die Dämonin für die einen.

Die Hoffnungsträgerin, die Heilsfigur für die anderen. Und jetzt, bald, die Vergessene? Oder gar: die Verurteilte?

Wer mit Frauke Petry telefoniert, irgendwann am Rande dieses Verfahrens, an einem verhandlungsfreien Tag – der ist jedoch unbedingt überrascht, wie gut gelaunt sie ist, wie redselig. Man erreicht sie in Pirna, wo sie 2017 ein Direktmandat für den Bundestag gewann. Die Sonne scheine, sagt sie; sie sagt es so euphorisch, dass die Sonne im Grunde wirklich und beinahe durchs Telefon strahlt.

Über den Prozess will Petry nicht sprechen, nicht solange er noch läuft, denn sie schweigt ja vor Gericht. Stattdessen berichtet sie, auf die Frage, wie es ihr gehe: dass sie in der Schule sehr beeindruckt von Heinrich Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum gewesen sei. In dieser Erzählung geht es um eine unbescholtene Frau, die in den Strudel der Boulevardpresse gerät. Klar, man muss jetzt nicht erklären, welche Rolle Petry für sich in dieser Erzählung sieht.

"Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch", sagt sie. "Aber was in den vergangenen Monaten über mich hereingebrochen ist – das ist einfach belastend."

Petry ist ja eine Frau im Damals: Die einstige Spitzenfrau der AfD. Die einstige Hauptgegnerin des Establishments der Republik. Die Frau, die Bernd Lucke zur Strecke brachte, den Gründer der AfD; die die AfD in den Sächsischen Landtag führte, dann auch in den Bundestag. Die diese Partei jedoch, am Tag nach der Bundestagswahl 2017, mit großem Drama und gemeinsam mit ihrem Ehemann Marcus Pretzell verließ; angeblich, weil sie die Radikalisierung der AfD nicht mehr mittragen wollte. Eine Radikalisierung, die sie so lange selbst befördert hatte. Petry gründete eine neue Gruppierung, "Die blaue Partei". Die solle auch rechts sein, aber nicht extrem.

Zu ihren Veranstaltungen kommen jetzt nur noch ein paar Dutzend Leute – wenn sie Glück hat. Wahlforscher können die Zustimmungswerte der blauen Partei kaum messen (siehe Text rechts). Mit der AfD hat Petry auch die politische Bedeutung aufgegeben. Sie ist trotzdem der Meinung, mit den Blauen im September in den Landtag einziehen zu können. "Denn es ist nicht ausgemacht, dass die Deutschen per se gerne radikale Parteien wählen würden", sagt Petry. Die Blauen sind also nicht radikal? Und Frauke Petry soll plötzlich die Reingewaschene sein?

Im Dresdner Gerichtssaal sitzt Frauke Petry manchmal da wie im stillen Gebet: die Arme vor dem Kopf, die Hände verschränkt, den Blick nach unten auf den Tisch gerichtet. Sind die Augen geschlossen? Man erkennt es nicht. Marcus Pretzell, der als eine Art rechtlich-moralischer Beistand an ihrer Seite ist, kann kaum still sitzen. Er verzieht das Gesicht, er murrt und knurrt. Einmal macht er eine Victory-Armbewegung, als ihm eine Aussage gefällt. Aber sie? Petry? Schweigt.