"Ich weiß nicht, wie soll ich das sagen? Aber wie kann ein Mensch so etwas einem anderen tun? Ich hoffe, dass niemals so was noch mal passiert."

"Das Eingangstor mit der nur von innen zu lesenden Inschrift 'Jedem das Seine', das fand ich besonders schlimm."

"Mir wird immer in Erinnerung bleiben, wie wir Blumen in der Gedenkstätte abgelegt haben."

"Es war sehr traurig zu erkennen, wie alle Menschen gestorben sind. Dort ist meine Vergangenheit zurückgekommen, das war wie bei uns im Jahr 2014, als der IS meine Familie getötet hat."

"Ich habe mich so gewundert: Wie kann ein Mensch Menschen verbrennen?"

Bei diesen Zeilen handelt es sich um eine willkürliche Auswahl von Eindrücken, die Schüler vor Kurzem nach einem Besuch in der Gedenkstätte KZ Buchenwald in Weimar formuliert haben. Ich habe zwei 9. Klassen dorthin begleitet. Da es sich um eine zweitägige Bildungsfahrt handelte, hatten wir viel vor. Wir, das waren drei weitere Lehrer, die mit mir die Fahrt vorbereitet und organisiert hatten, sowie 42 Schüler im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, etwa ein Drittel von ihnen mit Migrationshintergrund, nicht wenige leben erst seit zwei, drei Jahren in Leipzig. Einen Eindruck von der deutschen Klassiker- und Kulturstadt sollten sie bekommen, ein bisschen den Geist der Goethe- und Schillerzeit atmen. Literatur vor Ort eben – das ist selten das schlechteste Konzept. Auch hier ging es ganz gut auf: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Stadt so schön ist und dass Goethe und Schiller hier zu ihren Lebzeiten so viel bewegt haben!", schrieb einer, der im Deutschunterricht normalerweise keine Freudensprünge macht.

Es ist allerdings zu wenig, Weimar ausschließlich mit dem Klassiker-Auge zu betrachten. Wir wollten mehr sehen: So stand auch ein Tag in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald auf dem Programm.

Gerade in diesen Tagen fiel mir die Forderung der SPD-Politikerin Sawsan Chebli wieder ein, die im Januar 2018 einen verpflichtenden Besuch einer KZ-Gedenkstätte für alle Schüler des Landes angeregt hatte. Damals kam eine große Diskussion über das Für und Wider in Gang. Der Stand der Dinge ist noch immer, dass jede Schule für sich entscheiden darf, dies zu tun oder es zu lassen.

Nach etlichen Weimar-Fahrten mit Schülern, die ich begleitet habe, würde ich sagen: Ein verbindlicher Besuch einer KZ-Gedenkstätte – warum eigentlich nicht? Warum haben wir so wenig Mut zu einem verpflichtenden Kanon, obwohl alle händeringend die identitätspolitischen Risse unserer westlichen Demokratie kitten wollen?

Natürlich kenne ich die Gegenargumente. dass die KZ-Pflichtbesuche der DDR-Schulklassen ganz offensichtlich auch nicht immun gegen Rechtsextremismus gemacht hätten. Oder dass man den falschen Zeitpunkt erwischen könne, in dem Schüler eher ihre pubertäre Gefühlslage auslebten als offen für einen Einblick in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu sein.

Ohne im Einzelnen alle Einwände aushebeln zu wollen, frage ich mich: Was kann im Leben eigentlich nicht scheitern, wenn man es nur falsch genug angeht?

Bei allem, was Kritiker gegen Pflichtbesuche vorbringen, glaube ich, dass diese Erlebnisse keinem der Jugendlichen schaden, stattdessen aber vielen von ihnen sehr viel bringen. Auch wenn man das, was sie bringen, nicht messen kann. Das banale Rezept, wir karren alle Schüler ins KZ und gucken dann, ob der Rechtsextremismus unter Jugendlichen abnimmt, kann nicht funktionieren.

Ganz offensichtlich aber, so meine Erfahrung, bleibt bei fast allen jungen Besuchern etwas zurück, was sie in Erinnerung behalten und verarbeiten wollen. Die einen wollen darüber schreiben, die anderen künstlerisch damit umgehen. Manche wollen nur darüber reden. Nur? Ich finde, das ist ziemlich viel.

Ich erinnere mich an meine Schulzeit, als wir zu Beginn der 8. Klasse zum Pflichtbesuch nach Buchenwald fuhren und dem uns begleitenden Elternvertreter bei seiner ernsten Rede die ganze Zeit die Krawatte nach hinten über die Schulter hing, was komisch wirkte. Wir mussten das Lachen unterdrücken und prusteten in uns hinein. War das unangemessen? Sicherlich. Aber wir fuhren trotzdem tief bewegt heim.

Manchmal finde ich es sogar ganz sympathisch, mit schweren Dingen respektvoll, aber nicht ganz so pathetisch umgehen zu müssen. Überdies fürchte ich, dass öffentliches, professionell elegantes Erschüttertsein von erwachsenen Politikern nicht genügen wird, um ein Wiedererstarken rechter Kräfte zu verhindern.

Das Land braucht stattdessen viel mehr Mut zu Verbindlichkeiten statt kleinlicher Debatten darüber, wie man jungen Menschen hilft, sich zu einem modernen Deutschland zu bekennen. Ein offenes Land, für das man auch bereit ist, etwas zu tun. In Gemeinschaft.

Ein Gemeinschaftsgefühl kann sich jedoch nur entwickeln, wenn wir gemeinsame Erlebnisse haben. Neben einer gemeinsamen Aufgabe braucht es aber auch ein gemeinsames Narrativ, das sich durch unser aller Leben zieht. Das Schöne daran: Nichts davon würde unsere Individualität infrage stellen. Im Gegenteil. Wir würden diese wieder mehr zu schätzen lernen.

Purer Individualismus aber und wirtschaftliches Wachstum allein werden niemals den Zerfall einer Gesellschaft verhindern können, wenn wir den zutiefst menschlichen Wunsch nach Zugehörigkeit ignorieren.

Was wirklich nottut, liegt doch klar auf der Hand: Wir müssen das Gegenteil von "Jedem das Seine" fühlen lernen. Und leben.