© Eva Revolver/Sepia für DIE ZEIT

Als die Wehen kamen, holten mich die Beamtinnen aus der Zelle. Sie stiegen zu mir in den Krankenwagen und blieben bei mir bis zum Kreißsaal, kurz bevor das Baby kam. Auch danach saßen in jeder Minute zwei Beamtinnen neben mir im Klinikzimmer. Drei Tage lang. Dann mussten Gretchen und ich zurück ins Gefängnis.

Früher hatte ich mit den falschen Leuten rumgehangen, viel getrunken, Drogen genommen. Amphetamine, Ecstasy, LSD. Man sieht mir das vielleicht nicht an, aber ich hab ein Aggressionsproblem. Betrunken und auf Drogen fackel ich nicht lange. Das erste Mal kam ich 2016 ins Gefängnis, acht Monate für Körperverletzung, Raub und Schwarzfahren. In der JVA wurde ich 18. Dort saßen Männer und Frauen ein, und ich wurde schwanger von einem anderen Häftling. Nachdem der raus war, hat er sich nie wieder gemeldet. Als ich zum zweiten Mal in den Bau ging, war ich im neunten Monat schwanger. Das Baby war mir lange egal. Um ehrlich zu sein: Ich freute mich erst über mein Kind, als ich es im Arm hielt.

Margarethe ist jetzt anderthalb. Sie kann schon so viel. Ich bin froh, Mama zu sein. In der ersten Woche lagen wir nur in der Zelle im Bett und haben gekuschelt.

Ich und eine andere Mutter wohnten getrennt von den anderen Häftlingen, bei uns sah es aus wie in einer WG. Nur mit Gittern an den Fenstern. An unsere Zellen grenzte ein Kinderzimmer. Wir hatten eine gemeinsame Küche, ein Bade- und ein Spielzimmer. Da spielte ich mit Gretchen Duplo, las oder sang ihr was vor. Ein Buch voller Lieder konnte ich irgendwann auswendig.

Man sagt, dass Kinder unter drei Jahren nicht verstehen, dass sie eingesperrt sind. Mir war es trotzdem wichtig, dass mein Kind rauskam und mit anderen Kontakt hatte. Unter der Woche war Gretchen bei einer Tagesmutter. Am Wochenende frühstückten wir gemeinsam, spielten oder gingen in der Freistunde raus auf den Hof.

Manche waren neidisch auf uns. Ich konnte das verstehen. Aus meiner Zeit ohne Kind wusste ich, wie die leben. Wir durften auch mal raus aus der Zelle, hatten eine Badewanne und Warmwasser, die anderen oft nur kalte Duschen. Einmal kam ein Häftling zum Streichen, der saß bei uns nach drei Jahren zum ersten Mal wieder auf einer Couch. Mir ist klar, dass manche Leute denken, Mütter wie ich würden nicht hart genug bestraft. Aber für mich war der Mutter-Kind-Bereich ein Glück. Heute denke ich viel über die Zukunft nach. Damals dachte ich: Morgen ist Montag, geh ich wieder feiern. Wenn ich Gretchen draußen bekommen hätte – ich glaube, ich hätte sie schon nicht mehr.

Ein bisschen Bammel vor dem Leben allein mit Gretchen hab ich schon. Aber welche Mutti hat das nicht?

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