Hat Großbritannien wirklich politisch den Verstand verloren, erleben wir tatsächlich das Desaster einer großen Nation und ihrer lange vorbildlichen Demokratie? Das sind die Fragen, mit denen man in diesen Tagen nach London reist. Auf dem europäischen Kontinent hat sich eine zugleich entgeisterte und feindselige Sicht auf den Brexit durchgesetzt. Er gilt nicht nur als unbegreifliche Narretei, viele sehen ihn auch als Ausdruck einer bösartigen Ideologie, als Parallelerscheinung zum Triumph des politischen Giftmischers Donald Trump und zum Erstarken einer aggressiven, menschenfeindlichen Rechten in der EU, wie Ungarns Viktor Orbán oder Italiens Matteo Salvini sie verkörpern.

Vor diesem Hintergrund ist man als Besucher erstaunt, wie zivil das politische Klima in London wirkt. Die Achterbahn des parlamentarischen Prozesses verursacht zwar Hirnsausen. Doch das Durcheinander ist größer als die Gehässigkeit. Ein paar Zeitungskommentatoren reiten zwar auf dem Motiv von der verräterischen Elite herum, aber im Vergleich mit den Hardcore-Populisten anderswo ist die britische Rechte eine Bastion liberaler Gelassenheit. Die Reizthemen Islam, Migration, Minderheiten, die ein Land so richtig in die Hysterie treiben können, spielen in London zumindest in der öffentlichen Debatte fast keine Rolle. Natürlich gibt es in der englischen Gesellschaft Rassismus. Doch es ist unvorstellbar, dass die Fraktionsführerin einer im Parlament vertretenen Partei, wie in Deutschland Alice Weidel von der AfD, im Plenarsaal des Unterhauses verächtlich über "Kopftuchmädchen" herziehen würde. In Großbritannien herrscht politische Konfusion, aber keine Hetz- oder Bürgerkriegsstimmung.

Kann man nicht etwas Geduld mit dem britischen Parlament haben?

Es sind daher nicht nur leidenschaftliche Brexit-Befürworter, die das scharfe Verdammungsurteil, das die liberale Welt derzeit über das Vereinigte Königreich ausspricht, ein bisschen ungerecht finden. Der konservative Unterhaus-Abgeordnete Rory Stewart hat beim Referendum im Juni 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt. Er ist alles andere als ein provinzieller Chauvinist, er ist zu Fuß durch Afghanistan gewandert und war stellvertretender Gouverneur einer Provinz im besetzten Irak, er hat über beide Abenteuer wunderbare Bücher geschrieben. Er will ein gutes, enges Verhältnis zwischen Großbritannien und der Europäischen Union.

Aber wie sein Land im Augenblick weithin als idiotisch oder bedrohlich nationalistisch dargestellt wird, das irritiert Rory Stewart. Liegt etwa Frankreichs Ansehen in Trümmern, weil seine Bürger bei allen möglichen Gelegenheiten auf die Straße gehen und den politischen Betrieb lahmlegen? Kann man dann nicht auch mit den Exzentrizitäten des britischen Parlamentarismus etwas Geduld haben? Und was den Nationalismus angeht: Ist er in der Brexit-Debatte, in der es vor allem um staatliche Souveränität geht, nicht immer noch verhältnismäßig gutartig, im Unterschied zu der völkischen Verbissenheit, die der Nationalismus sonst oft annimmt?

Es ist keineswegs so, dass Brexit-Britannien ohne hässliche, abstoßende politische Züge wäre. Die Angst vor Überfremdung war ein wesentlicher Faktor, der den EU-Gegnern beim Referendum von 2016 Stimmen gebracht hat. Das krasseste Beispiel von xenophober Demagogie dürfte ein Plakat gewesen sein, das der Chef der "Unabhängigkeitspartei des Vereinigten Königreichs" (Ukip), Nigel Farage, damals präsentierte und das eine Schlange von nicht weißen Flüchtlingen an der kroatisch-slowenischen Grenze zeigte, mit dem Schriftzug: "Breaking point", also etwa: "Am Anschlag". Kurz nach dem Referendum stieg die Zahl von rassistischen und religiös gefärbten (also meist gegen Muslime gerichteten) Straftaten in Großbritannien messbar an.

Sie ist allerdings schnell wieder zurückgegangen. Auch der Anteil der Briten, die in der Einwanderung das größte Problem des Landes sehen, ist in letzter Zeit deutlich gesunken. Die jetzigen hitzigen Brexit-Diskussionen sind von Appellen an Fremdenfeindlichkeit weitgehend frei. Großbritannien durchlebt in diesen Wochen eine Zeit schwerer politischer Verunsicherung. Aber dem trumpistischen Syndrom von Angst, Hass und Wahn ist es bislang nicht zum Opfer gefallen.