Ich werde abgeworben. Als Führungskraft. Wenn ich Lust habe. "Auf Leadership, Disruption und Content", ruft mir der Headhunter aus dem Hörer entgegen. Er steht an einer Kreuzung. Dienstreise. Ich stehe in der Küche. Elternzeit. "Nicht schlimm", ruft der Headhunter. Das Angebot kommt von einem Technologiekonzern, ich soll eine Redaktion aufbauen. Namen stehen noch nicht fest. Nur der Ort. "Licht, Glas, keine Wände", sagt der Headhunter. "Ein Großraumbüro?", frage ich. "Eine Kathedrale für News", sagt der Headhunter, "ideal für einen Kommunikator wie dich."

Mein letztes Großraumbüro wurde War Room of News genannt. Nach einer Woche erlitt der Theaterkritiker eine Panikattacke, nach drei Wochen begann die Börsenredakteurin Kopfhörer zu verkaufen, schließlich stellte die Chefredaktion Trennwände auf.

"Du kannst also Disruption!", ruft der Headhunter. Ich brauche Bedenkzeit.

"Das passt nicht zu dir", sagt der Mensch, der mir viel bedeutet, am nächsten Morgen. "Aber ich bin ein Kommunikator", sage ich. Sie zuckt mit den Schultern.

Das Mini in der Krabbelgruppe

"Deine Mutter ist keine Kommunikatorin", sage ich zum Mini, als ich es zur Krabbelgruppe schiebe. Das Mini nuckelt still an einem Holzpinguin.

Krabbelgruppen sind Großraumbüros für Babys.

Die Babys brabbeln, die Mütter klagen über abwesende Väter, und ich sage: "Aber man bekommt so viel zurück." Die Mütter lächeln. Das Mini hockt starr mittendrin. Disruption und Kommunikation haben es schwer in dieser Familie.

Die turbulenteste Familie, die ich kannte, war keine. Sie war besser. Meinte Frida, die keine Frida war. Sondern eine Friederike-Sophie. Aber als Frida passte sie besser in eine Großstadt-Kommune. "In ein revolutionär-emanzipatorisches Kollektiv", sagte Frida.

Frida stammte aus unserem Dorf, von einem Hof mit vielen Kindern und noch mehr Besuchern. Unter dem Dach war immer ein Zimmer frei, auf dem Tisch stand immer ein Teller mehr, und Frida wusste, wie sie mal leben wollte. "Genauso, aber mit politischem Bewusstsein."

Nichts bietet mehr Raum als Familie

Bewusstsein gab es im Kollektiv genug. Der Marx-Lesekreis, das Praxisseminar Sozialismus, die vegane Volxküche und die Vollversammlung mit Selbstkritik, unter einem Banner mit der Aufschrift "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker". Es gab auch genug bewusste Kommunarden. Ein paar Studenten, zwei Familien und einen Mann, der aussah wie Marx, nur älter.

Frida las, praktizierte, kochte, kritisierte und war glücklich. Bis sie Mario in einer Bar traf, in der er Teller spülte, weil sein Deutsch kaum besser war als die Wirtschaftslage seines Heimatlandes. Mario kam bei Frida an. Aber nicht in der Kommune.

"Er hinterfragt den Kapitalismus nicht", sagten die Studenten. "Er kocht Sauce Bolognese", sagten die Familien. "Er liest keinen Marx", sagte Marx. Mario sagte nichts. Er saß unter dem Banner und hielt Fridas Hand. Am Ende der Sitzung schloss ihn das Kollektiv wegen Unruhestiftung aus. "Geht er, gehe ich", sagte Frida. Die daraufhin wegen mangelnder Selbstkritik ausgeschlossen wurde.

Das Mini guckte eine halbe Stunde lang. Dann erbrach es sich. Auf Bauklötze, Babys und sich selbst. Die Babys heulten. Die Mütter fluchten. Das Mini quietschte. "Eigentlich ist es eher ruhig", sagte ich. Niemand lächelte.

Friederike-Sophie lebt heute mit Mario auf dem Heimathof. Ich habe den Job abgelehnt. Nichts bietet mehr Raum als Familie.