DIE ZEIT: Wie oft werden Sie als Berater gerufen, um Unternehmen bei der Schaffung von inklusiven Arbeitsplätzen zu helfen, also Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren?

Martin Sonnenschein: Ehrlich gesagt, ruft uns kein Unternehmen an, damit wir bei der Inklusion unterstützen.

ZEIT: Die ersten Jugendlichen mit Handicaps verlassen nun die inklusiven Schulen, wo ihnen gesagt wurde: Ihr gehört dazu. Auf dem Arbeitsmarkt aber heißt es: Wir können nichts mit euch anfangen. Fehlt der Wille zur Inklusion?

Sonnenschein: Wer inklusive Arbeitsplätze schaffen will, muss bereit sein, sich auf sehr individuelle Bedürfnisse einzulassen. Diese Bereitschaft ist bisher wenig ausgeprägt, auch wenn gerade die Betriebsräte und Gewerkschaften sehr engagiert dabei sind.

"Wer einem behinderten Menschen Arbeit gibt, der kann nicht bloß fragen: Welche Leistung bringt dieser Mitarbeiter?"
Martin Sonnenschein, Unternehmensberater

ZEIT: Irgendwie logisch, dass es einem auf Wirtschaftlichkeit und Gewinn ausgerichteten Unternehmer wenig reizvoll erscheint, sich um Menschen mit Behinderung zu kümmern.

Sonnenschein: Die Effekte von Inklusion sind nicht unmittelbar messbar. Das macht es schwierig, denn Firmen sind damit befasst, den Einsatz ihrer Ressourcen zu optimieren. Wer aber einem behinderten Menschen Arbeit gibt, der kann nicht bloß fragen: Welche Leistung bringt dieser Mitarbeiter? Wenn nur das im Vordergrund steht, wird das mit der Inklusion nie etwas!

ZEIT: Das heißt, Inklusion funktioniert nur, wenn Unternehmen von behinderten Menschen möglichst wenig erwarten?

Sonnenschein: Nein, das wäre nicht richtig. Wir müssen aber von einem realistischen Leistungsbegriff ausgehen: Einerseits werden Menschen mit Einschränkungen oft unterschätzt in dem, was sie leisten können. Andererseits werden Anforderungsprofile für einzelne Jobs oft überschätzt. Es werden Anforderungen gestellt, die man häufig nicht braucht, um den Job gut ausführen zu können. Das schreckt Bewerber auch ab. Wir brauchen einen funktionsfähigen Arbeitsmarkt, neue Jobprofile, Vorbilder.

ZEIT: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Sonnenschein: Nehmen wir an, ein junger Mensch mit leichten geistigen Einschränkungen möchte in einem Hotel eine Ausbildung machen. Er müsste nicht, wie es bei allen anderen Auszubildenden gehandhabt wird, sämtliche Stationen wie Rezeption, Restaurant, Room-Keeping oder Bankett durchlaufen. Man sollte besser von Beginn an überlegen, welche Arbeit er mit seinen Fähigkeiten gut ausüben kann, und ihn dann konkret dafür ausbilden, auch wenn das von der Regel abweicht. So bekommen Firmen loyale Mitarbeiter.

ZEIT: Für Unternehmen bedeutet das, für jeden Bewerber mit Handicap individuelle Bedingungen zu schaffen.

Sonnenschein: Genau daran scheitert es noch. Die Jobs für behinderte Menschen müssen kreiert werden, die gibt es nicht einfach so. Sie müssen zur Behinderung passen. Es gibt so viele verschiedene Behinderungen, dass man Jobs nur schaffen kann, wenn man erkennt, was der konkrete Bewerber wirklich braucht. Das ist eine Herangehensweise, die Unternehmen nicht gewohnt sind.

ZEIT: Wenn Sie von einem CEO gefragt werden, was sein Großkonzern davon habe, sich auf die Inklusion einzulassen – was sagen Sie?

Sonnenschein: Ich würde fragen: Was für ein Unternehmen möchten Sie sein? Das ist die Schlüsselfrage. Und ich würde einige Vorteile aufzählen, die ein Unternehmen hat, das behinderte Menschen einstellt.

"Viele lassen sich von der Anstrengungsbereitschaft anstecken und leisten automatisch auch mehr."

ZEIT: Welche wären das?

Sonnenschein: Da sind zum einen die kompensatorischen Effekte: Benachteiligte Menschen versuchen, mehr zu geben und zu leisten, als von ihnen erwartet wird. Einfach weil sie dazugehören wollen. Diese Effekte schlagen dann auf ganze Teams durch: Viele lassen sich von der Anstrengungsbereitschaft anstecken und leisten automatisch auch mehr.

ZEIT: Was noch?

Sonnenschein: Ich sage nur Mindfulness, also Achtsamkeit. Zurzeit ein riesiges Thema in den Management-Etagen! Auch hier können wir von behinderten Menschen viel lernen, sie haben oft die Gabe, genau zu beobachten, vorurteilsfrei wahrzunehmen, einen klaren Fokus zu wählen, aber auch mit großer Sensibilität auf eigene und die Bedürfnisse anderer zu schauen.