Über ihren Sohn hat Kirsten Ehrhardt ein ganzes Buch geschrieben: Henri heißt es. Untertitel: Ein kleiner Junge verändert die Welt. Das bringt die große Hoffnung der Journalistin Ehrhardt zum Ausdruck: Dass die Geschichte ihres Sohnes tatsächlich alles verändern möge – zumindest den Umgang mit behinderten Kindern hierzulande.

Denn Henri hat das Down-Syndrom. Aufgrund eines Genfehlers ist seine geistige Entwicklung verlangsamt, er hat ein auffallend rundes Gesicht und vieles, was anderen Kindern leichtfällt, macht ihm Mühe. Manche stempeln ihn als "geistig behindert" ab, seine Mutter sagt: "Henri hat eben andere Fähigkeiten."

Vor fünf Jahren wurde der damals Elfjährige mit einem Schlag bundesweit bekannt, als seine Mutter im Fernsehen auftrat. In der Talkshow von Günther Jauch berichtet sie, dass ihr Sohn im baden-württembergischen Walldorf von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln wolle – auch wenn er dem Unterricht kognitiv nicht folgen könne. Er wolle aber unbedingt mit seinen Freunden aus der Grundschule zusammenbleiben. "Die Normalität, die wir jetzt vier Jahre lang aufgebaut haben, ginge sonst verloren", sagt Ehrhardt vor über vier Millionen Zuschauern.

Als das Walldorfer Gymnasium Henri mit der Begründung ablehnte, man sehe sich mit dem Unterricht geistig Behinderter im Gymnasium unter den gegenwärtigen Umständen überfordert, brach ein medialer Empörungssturm los. Der "Fall Henri" wurde zum Präzedenzfall der Inklusion stilisiert, das Gymnasium Walldorf als rückständig und behindertenfeindlich beschimpft (obwohl dort schon lange Schüler mit allen möglichen Einschränkungen unterrichtet wurden). Eine Petition für Henris Aufnahme fand im Internet 30.000 Unterstützer. Die damalige Direktorin Marianne Falkner wurde deswegen gar mit der Nazi-Tradition in Verbindung gebracht.

Doch es gab auch eine Gegenpetition, die sogar Eltern unterzeichnet hatten, deren Kinder mit Henri die Grundschule besuchten. Viele fühlten sich von der kämpferischen Ehrhardt gegen ihren Willen vereinnahmt. Manche erklärten ausdrücklich, ihre Kinder sollten nicht mehr mit Henri in eine Klasse gehen.

Heute hat sich die Aufregung gelegt, auch Henris Geschichte hat geradezu ein Happy End gefunden. Und obwohl sie in vielerlei Hinsicht speziell ist – kaum ein Schüler mit Down-Syndrom will aufs Gymnasium, nicht jeder hat eine Journalistin als Mutter –, beschreibt sie eindrücklich, wie weit der Streit über Inklusion gehen kann und wo ihre Grenzen liegen.

Einblicke in Henris Leben lassen sich heute nur über Gespräche mit seinen Eltern oder seiner Lehrerin gewinnen. Er solle nicht ständig im Rampenlicht stehen, sondern "in Ruhe lernen", sagt seine Mutter, die ihn selbst bekannt gemacht hat. Auch im Klassenzimmer sind Journalisten nicht erwünscht. Henri besucht heute die Realschule in Walldorf, die sich kurioserweise im selben Gebäude wie das dortige Gymnasium befindet. Nur die Farbe des Bodenbelags trennt die beiden Schulformen, in der Pause laufen sich ihre Schüler ständig über den Weg.

Mit seinen früheren Klassenkameraden hat Henri dennoch kaum mehr etwas zu tun. Im Zuge des Streits vor fünf Jahren ließen ihn seine Eltern eine Klasse wiederholen, um Zeit zu gewinnen. In diesem Jahr traf Henri seinen besten Freund aus Kindergarten-Zeiten wieder, mit dem er jetzt die Realschule besucht.