Da bewegt sich was

Seit eineinhalb Jahren sind Staubläuse, Wasserläufer und Mooswanzen, Prachtlibellen, Gespenstschrecken und Schrotböcke, Fransenflügler, Köcherfliegen und Bläulinge ein politisches Groß- und Kampfthema. Ende 2017 belegte eine große Studie erstmals, was bis dahin eher ein Gefühl gewesen war: das Verschwinden der Insekten. Seitdem wird allerorten viel darüber gesprochen: ob im Bundestag, in der Tagesschau oder beim "Tag der Insekten" in der vergangenen Woche im Berliner Naturkundemuseum. Bislang allerdings folgten praktisch keine Taten. Jetzt könnte sich das ändern.

Etwa in Bayern. Dort haben mehr als 1,7 Millionen Menschen – fast ein Fünftel der Wahlberechtigten – das Volksbegehren mit dem Titel "Rettet die Bienen!" unterzeichnet. Dessen Forderungen gehen weit über den Insektenschutz hinaus: Das Bayerische Naturschutzgesetz soll verschärft werden, bis 2030 soll auf 30 Prozent aller Agrarflächen Ökolandbau betrieben werden, ein großflächiger Verbund von geschützten Biotopen soll eingerichtet werden, und schließlich sollen für den Einsatz von Dünger strenge Vorschriften erlassen werden. Der Bayerische Bauernverband hat dagegen scharf protestiert. Nur noch bis Mitte April bleibt der Regierung von Ministerpräsident Markus Söder Zeit, einen alternativen Gesetzentwurf vorzulegen – andernfalls wird der Entwurf der Aufbegehrenden verbindliches Recht.

In Brandenburg und Nordrhein-Westfalen werden nun ähnliche Initiativen geplant. Auch dort könnte der Wille der Wähler die Politik zwingen, die Umweltregeln zu verschärfen.

Das Bundesumweltministerium arbeitet momentan an einem eigenen Programm zum Insektenschutz. Zu den Zielen des Vorhabens zählt es, Schutzgebiete zu stärken, die Agrarlandschaft vielfältiger zu machen, die Lichtverschmutzung zu reduzieren und die Erforschung des Insektenschwundes zu fördern. Im Sommer soll das Programm beschlossen werden.

"Wenn sich jetzt nichts tut, wann dann?", fragt der international renommierte Agrarbiologe Josef Settele. Er arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle und gehört dem Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen an. Dessen neuer globaler Bericht über den Zustand der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme wird Anfang Mai erscheinen – und könnte von ähnlicher Tragweite sein wie die Berichte des Weltklimarats.

Die Befunde mehren sich, und sie drängen zur Eile, nachdem sich über lange Jahre eine unheilvolle Ahnung verdichtet hatte: Nicht nur Forschern war aufgefallen, dass sie im Sommer die Windschutzscheiben der Autos nicht mehr mühsam von Insektenleibern befreien mussten und dass bei Radtouren nicht mehr so viele Fliegen im Mund landeten. Bei vielen Menschen, die mit offenen Augen durch die Landschaft gingen, hatte sich der Eindruck verfestigt, es gebe von Jahr zu Jahr weniger Insekten. Aber ein Gefühl ist noch kein Beweis.

Erst als Ende 2017 der Entomologische Verein Krefeld das Resultat einer Langzeitstudie veröffentlichte, wurde das Gefühl zur Zahl. Die Krefelder hatten erstmals 1989 Fallen in Schutzgebieten aufgestellt. Die Masse der darin gefangenen Fluginsekten hatte sich seither um 75 Prozent verringert.

Im Oktober vergangenen Jahres berichtete dann der amerikanische Ökologe Brad Lister Erschreckendes aus Puerto Rico. Schon in den Siebzigerjahren hatte er im mittelamerikanischen Regenwald Eidechsen untersucht und, noch wichtiger, deren Nahrung. Mit Klebefallen und einem Netz fing er im Dschungel Insekten. Nun war er zurückgekehrt und hatte seine Versuche wiederholt. Diesmal gingen ihm zehn- bis sechzigmal weniger Tiere in die Fallen.

Naturschützer und Bauern sitzen jetzt gemeinsam am Küchentisch

Der in PNAS, der Zeitschrift der US-Wissenschaftsakademie, veröffentlichte Aufsatz wurde von vielen Fachleuten mit großer Sorge aufgenommen. Ging es hier doch nicht um Gebiete, die von intensiv bewirtschafteten Argarflächen umgeben waren, wie in den meisten Fällen der Krefelder Studie – sondern um intakten Regenwald.

Lister konnte nur spekulieren, der Klimawandel sei der Grund für den extremen Rückgang dort. Seine Studie legt aber in jedem Fall nahe, dass außer den üblichen Verdächtigen wie Pestiziden und industrieller Landwirtschaft, die vor allem in Europa und Nordamerika als Hauptverursacher gelten, noch andere Ursachen den Insekten zusetzen.

Für großes Aufsehen sorgte dann Anfang Februar eine globale Übersichtsarbeit des Biologen Francisco Sánchez-Bayo von der Universität Sydney. Er hatte mehr als 70 Studien zusammengetragen und kam zu dem Schluss, dass "Insekten in ihrer Gesamtheit in einigen Jahrzehnten auf dem Weg des Aussterbens" sein werden*.

Das schaffte es zwar weltweit in die Schlagzeilen, ist aber mit großer Wahrscheinlichkeit übertrieben, weil Sánchez-Bayos Arbeit auf Studien beruht, die kaum eine Verallgemeinerung zulassen. Für Kritiker ist es geradezu eine Einladung, die Ergebnisse als Alarmismus abzutun. (Dabei ist die Realität auch ohne Übertreibung düster genug.)

Um vollständig von der Erde zu verschwinden, sind Insekten viel zu vielfältig. Rund eine Million Arten wurden bislang von Zoologen beschrieben, groben Schätzungen zufolge gibt es aber noch einige weitere Millionen zu entdecken. Und nur ein Bruchteil der bekannten Arten ist gut genug erforscht, als dass Wissenschaftler ihre Rollen im jeweiligen Ökosystem benennen könnten, geschweige denn sagen, was passieren würde, wenn sie verschwänden.

Vielleicht ist diese Vielgestaltigkeit ein Teil der Antwort auf die Frage, warum der Insektenschwund so schwer zu beziffern ist und lange gar nicht objektiviert werden konnte. Die Häufigkeit einer Art zu bestimmen ist für einen Forscher von allen denkbaren Aufgaben so ziemlich die langweiligste. In den Förderprogrammen von Institutionen und staatlichen Geldgebern steht dergleichen ganz weit unten. Mittel für Langzeit-Monitoring zu erhalten – also für die Beantwortung der Frage, wo welche Art wie häufig vorkommt – ist extrem schwierig. Und wie Insekten sind Taxonomen, die Artenspezialisten, eine aussterbende Spezies.

Trotz aller Unsicherheiten: Unter Experten herrscht Einigkeit über die generelle Richtung, in die sich die Bestände entwickeln. Dave Goulson, Professor an der University of Sussex und einer der führenden Entomologen Europas, fasst es so zusammen: "Es gibt überhaupt keinen Zweifel unter Forschern, die ihre Sinne beisammenhaben, dass wir es hier mit einem Riesenproblem zu tun haben." Goulson hat deshalb ein Buch geschrieben, das unter dem Titel Wildlife Gardening gerade auf Deutsch erschienen ist. Darin erklärt er, wie jeder Insekten in Gärten, Parks und sogar auf dem eigenen Balkon helfen kann (siehe Kasten).

Solche individuellen Maßnahmen können durchaus etwas bewirken. Städte sind, im Gegensatz zu großen Teilen der Agrarfläche, weitgehend frei von Pestiziden. Große Effekte erzielt man jedoch auf einem anderen Weg: indem man die Landwirtschaft verändert. Der größte Hebel dafür wäre die Gemeinsame Agrarpolitik der EU, über deren Neuausrichtung derzeit diskutiert wird. Immerhin fließen rund 37 Prozent des europäischen Haushalts in Agrarsubventionen. Der Großteil davon wird einfach pro Hektar ausgeschüttet, nur ein kleiner Rest finanziert ökologische Maßnahmen. Und auch in Zukunft, so zumindest der aktuelle Debattenstand in Brüssel, wird wohl wenig Wert auf ökologische Maßnahmen gelegt werden.

"Es wurde so viel geredet, aber welche Maßnahmen wurden tatsächlich ergriffen, um den Druck auf die Insekten zu verringern?", fragt Dave Goulson. Seine Antwort: "Praktisch keine!" Immerhin – inzwischen lässt sich einwenden: Forderungen wie jene aus dem bayerischen Volksbegehren wären vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Und auch dass über einzelne Insektenstudien wie jene aus Puerto Rico mittlerweile breit berichtet wird, ist Zeichen eines Bewusstseinswandels. Die Sorge um Insekten hat heute das Potenzial, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass sich endlich etwas ändert.

*Korrekturhinweis: Hier stand zuvor, dass "Insekten in ihrer Gesamtheit in einigen Jahren auf dem Weg des Aussterbens" sein würden. Das war unpräzise. Im Fazit der Studie heißt es, dass "Insekten in ihrer Gesamtheit in einigen Jahrzehnten auf dem Weg des Aussterbens" sein werden. Wir haben die Stelle online entsprechend geändert.